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Marie Kondo, No-Buy, Zero Waste, Fridays for Future – dies ist eine Revolution!

Whoa whoa whoa! Halt, Stopp! Das sind aber viele Buzzwords in einem Titel! Ist das hier einer von diesen Clickbait-Artikeln? Nein. Ich verdiene nämlich gar nichts, wenn meine Artikel geklickt werden. („Whaaaaaaat!1!“) Nicht alles hat mit Kapitalismus zu tun.

Also zumindest nicht dieser Text, nicht so.

Jetzt, wo wir das aus dem Weg haben: Diese „Buzzwords“ sind gerade erstarkende Bewegungen, von denen manche politischer daherkommen als andere. Aber sie alle haben gemeinsam, dass sie etwas in unserer Gesellschaft sichtbar machen, das wir bisher vielleicht nicht so klar sehen konnten.

Arbeiten - Kaufen - Sterben auf einem Aufkleber
Foto von Daniel Schweighöfer.

Außerdem bin ich heute über den Artikel gestolpert Zehn Zwänge, die uns der Kapitalismus einbrockt. Neugierig klickte ich – und war von dem klitzekleinen Bogen, den der Artikel spannt, komplett unterrascht. Uh, ja, wir arbeiten für Geld, das war nicht immer so. Big Deal. Durchgeplante Arbeit führt zu durchgeplanter Freizeit. Gähn. Schnell wieder zugemacht und statt dessen angefangen, selbst zu schreiben.

Dabei berührt Kapitalismus uns viel tiefer. Er bestimmt unser Denken und Fühlen. Er verändert unsere Wahrnehmung. Er degradiert Menschen zu Verbrauchern, deren Sinn es ist, Waren zu fertigen, Dienstleistungen zu erbringen, zu konsumieren und dann zu sterben.

Marie Kondo, Göttin der Selbst-Genügsamkeit

Enter Marie Kondo. Sie schreibt uns nicht vor, was wir besitzen müssen. Sie sagt nicht, ob 10 Jeans zu viele, zu wenige oder gerade richtig viele sind. Sie sagt nur: Nimm dir die Zeit, dein Zeug in Ruhe anzusehen. Nimm dir die radikale Freiheit, ohne besondere Gründe Dinge auszusortieren. Nimm dir den Mut, alles kritisch anzuschauen und zu sehen, was dich davon glücklich macht.

Ein großer Berg Kleidung, aufgetürmt auf einem Bett.
KonMari, Stadium 1: Ein Berg Kleidung auf einem Bett aufgetürmt.

Die Erfahrung, die viele machen, die mit Hilfe von Konmari ausmisten: Es sind viel weniger Sachen als gedacht, die „Joy sparken“, also Freude auslösen. Viele Sachen sind Ballast, viele machen traurig, nageln eine*n in der Vergangenheit fest. Ich habe beim Ausmisten sehr stark gespürt, mit wie vielen negativen Gefühlen mein Zeug aufgeladen war. Ich hielt an Zeug, nein, an Müll fest, weil … ich irgendwann einmal Geld dafür ausgegeben hatte. Weil ich dachte, dass das „zu schade“ zum Ausmisten ist. Weil ich es ja noch mal brauchen könnte.

Aus Marie Kondo folgt: Es sind nicht die Dinge, die wirklich glücklich machen können. Die Dinge sind ein Mittel zum Zweck. Manche gewinnen wir lieb, füllen sie mit Bedeutung und guten Erinnerungen. Die sparken dann auch Joy, und wir halten lange an ihnen fest. Aber nicht, weil diese Dinge das von sich aus mitgebracht hätten. Sondern weil wir etwas mit ihnen gemacht haben.

No-Buy, die Rebellion der (Nicht-)Käufer*innen

In der Make-up-Community geht ein Gespenst um. Es heißt „No-Buy“, und es macht aus braven Konsument*innen der neuesten Lidschattenpalette, des krassesten Lippenstifts und dieser goldenen Gesichtsmasken Rebell*innen. Sie shoppen nicht im Laden, sondern in ihrem Stash, sie *shock* benutzen ihr Schminkzeug, statt sich neues zu kaufen. Sie rotten sich zusammen und ermuntern sich zum Nichteinkaufen, sie schauen sich das neue Zeug an und finden es nicht gut genug.

Das No-Buy ist für mich ein logischer Schritt nach dem Konmari-Ausmisten, auch wenn ich selbst erst mit dem No-Buy angefangen und dann ausgemistet habe. Aber nach der Feststellung, wie viel Zeug wir eigentlich alle besitzen, und wie wenig glücklich es macht, kommt die Erkenntnis, dass das impulsive Mehr-Kaufen von mehr Zeug nicht dazu führen wird, dass wir glücklicher sind, unsere Ziele eher erreichen oder uns langfristig besser fühlen.

Wenn das Zeug, das ich früher gekauft habe, mich jetzt nicht glücklicher gemacht hat – wird dann das Zeug, das ich jetzt kaufe, mich in Zukunft glücklicher machen?

Ich arbeite hart daran, nicht ein einziges Stück Müll bei mir einziehen zu lassen. Durch mein No-Buy habe ich mir eine Art Entgiftung verschrieben, die mich aus meinen Konsumgewohnheiten reißen soll. Und was soll ich sagen, es wirkt!

Auf dem Foto sind zwei Rouges zu sehen und zwei Puder fürs Gesicht. Bei den beiden Pudern schimmert in der Mitte der Boden des Behälters durch.
Rouge und Puder zu Beginn meines „Project Pan“.

Mit Misstrauen betrachte ich die Menschen, die durch Fußgängerzogen schlendern, eigentlich nur spazieren gehen, aber nicht durch Wald oder Feld, sondern durch den Konsum streifen. Mit Ekel schaue ich auf unter furchtbaren Umständen produzierte Waren, die in Läden hängen, die mit „25 % unserer Mode ist nachhaltig produziert!“ werben, ohne ausführen zu müssen, was das eigentlich sein soll, dieses „nachhaltig“. Mit Widerwillen schaue ich auf meine viel zu große Makeupsammlung, die ich zwar schon etwas ausgedünnt habe, aber die noch mehr Zeit brauchen wird, bis sie auf ein sinnvolles Maß geschrumpft ist. Mit Verachtung höre ich immer noch zu viele Politiker*innen, die Konsum, Arbeit und Würde miteinander koppeln. Als gäbe es keine Alternative. Als würde alles besser werden, wenn wir uns nur ganz, ganz dolle anstrengen und schnell viel konsumieren! Kauft, Leute, kauft!

Am besten gute deutsche Autos. Mmmmh, lecker Autos!

Our culture of work strains to cover its flaws by claiming to be unavoidable and natural.

Post-work: the radical idea of a world without jobs

Zero Waste: Wenn schon Konsum, warum dann nicht anders?

Und überhaupt, wenn wir etwas kaufen, wie kaufen wir es dann? Wieso sind meine Gurken eigentlich verpackt? Das muss auch anders gehen! Zero Waste ist das neue Bio. Denn Verpackungsmüll, damit das unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierte Gemüse von relativ weit weg möglichst keimfrei aussehend für möglichst lange Zeit in unseren riesigen Einkaufstempeln dümpeln kann, ist einfach mal kacke. Das kann man so hinnehmen – oder auch nicht! Wo einige schon darauf achten, fair produzierte Lebensmittel zu kaufen, steht bei Zero Waste die Müllvermeidung im Vordergrund. Ich bin jetzt nicht sicher, ob sich die Zero-Waste-Herangehensweise nur auf die Verpackung beim Kauf beschränkt, ich nehme es aber an, da es ziemlich schwierig ist, die komplette Produktionskette seriös zu durchleuchten.

Aber wäre ein Siegel dafür, Waren plastikfrei herzustellen, nicht eine erstrebenswerte Sache?

Fridays for Future, die Zukunft ist jetzt

Die Zeit wird knapp. Viel zu lange haben wir auf zu großem Fuß gelebt. Wir haben uns die Gegenwart von der Zukunft geliehen, und jetzt holt uns die Zukunft ein. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Es geht einfach nicht, Punkt. Nicht, wenn wir eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten haben wollen.

Das hat die Bewegung Fridays for Future erkannt. Sie haben so Recht. Nein, wir können in Zukunft nicht mehr fix nach Paris fliegen, dann zum Entspannen schön auf die Kanaren, und im Winter der Sonne hinterher nach Thailand. Wir können nicht, wenn wir die Welt nicht in katastrophalem Zustand hinterlassen wollen. Und zumindest ich bin nicht bereit, das billigend in Kauf zu nehmen.

Und vollkommen zu Recht fordert die Bewegung die Politik auf, gegenzusteuern. Denn auch wenn wir mit kleinen Handlungen manchmal Kleinigkeiten bewegen können, lastet dadurch doch der Druck auf dem Individuum. Es gibt Menschen, die brauchen Strohhalme! Es ist nicht ihre Schuld, dass die billigsten Strohhalme aus Plastik sind und die von Restaurantbesitzenden gekauft werden. Niemand verdient es, dafür beschämt zu werden, eine einfache Lösung zu wählen. Ist ja schön, wenn ich mir als Mensch mit Zeit und Geld aussuchen kann, keinen Müll zu machen – aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein in Anbetracht der Möglichkeiten, die es zur Müllvermeidung gäbe!

Angebot und Nachfrage

Die Zeit ist reif für tiefgreifende Änderungen. Für mutige Schritte. Manche probiere sie im Kleinen aus, testen, ob das klappt mit diesem Leben ohne Müll, mit weniger Konsum. Die Erkenntnis wächst, dass es geht. Und dass es gehen muss.

Ein Vierteljahr lang nichts* gekauft: Was habe ich bisher aus meinem No-Buy-Jahr gelernt?

Ich habe volle 3 Monate Nixkaufen* geschafft! Woohoo! Party! Zeit für einen neuen Lippenstift! Nee Quatsch, natürlich nicht. Tatsächlich habe ich gerade erst 12 Lippenstifte rausgeschmissen – und habe damit jetzt noch 98:

110 Lippenstifte, auf dem Unterarm geswatcht.
Meine Sammlung von 110 Lippenstiften. Durchgestrichen sind die 12, die ich aus verschiedenen Gründen rausgeschmissen habe.

Und dieses Zitat fasst meine bisherige Erfahrung mit meinem No-Buy ziemlich treffend zusammen:

„After several months of not shopping I was finally able to see my shopping obsession for what it was, which was that I was trying to be more perfect by buying things that I thought would make my life more perfect.“

„Nach einigen Monaten des Nichts-Einkaufens konnte ich meine Shopping-Besessenheit als das sehen, was sie war: Dass ich versuchte, perfekter zu sein, indem ich Dinge kaufte, von denen ich dachte, sie würden mein Leben perfekter machen.“

Ich habe gelernt, dass ich Schönheit ebensowenig kaufen kann wie Inspiration, Kraft oder das Reinpassen in irgendeine Gesellschaft, in der ich mich unwohl fühle. Kein Gegenstand und schon gar kein Kauf kann mir etwas geben, wenn ich nicht eine Entsprechung in meinem Inneren finde. Und an sich benötigt die nicht mehr Dinge, sondern Achtsamkeit und nach innen gerichtete Aufmerksamkeit.

Was ich kaufen kann, ist nur Zeug.

Mehr Zeug, das ich auch irgendwo hintun muss. Mehr Zeug bedeutet für mich nicht mehr Zufriedenheit, sondern weniger. Das ist eine der Sachen, die ich gelernt habe, als ich meinen Kleiderschrank wirklich von Grund auf ausgemistet habe.

Ja, ich kann Sachen kaufen, die mir helfen können, hübsch auszusehen, die mir ein wenig Mut verleihen oder mich optisch besser irgendwo reinpassen lassen. Aber es ist nicht so, dass das meine eigene Anstrengung ersetzen könnte. Ich muss immer noch hart arbeiten. Und einfach mehr Zeug zu kaufen, obwohl ich schon genug Zeug habe, macht das nicht einfacher. Es vergrößert nur meine Auswahl, und die Menge an Dingen, die ich irgendwo in der Wohnung unterbringen muss.

Ich merke, wie ich weniger und weniger sinnlos nach etwas Tollem zum Einkaufen suche. Klar, ich bin nicht perfekt. Und klar, ich muss immer noch Sachen kaufen, Essen zum Beispiel, und demnächst sind dann vielleicht auch mal all meine Mascaras leer, oder meine Deos. Shampoos habe ich immer noch, unfassbar. Mindestens noch eine ganze volle Flasche zusammengenommen.

Wie geht’s jetzt weiter mit dem No-Buy?

Es heißt weiter: Durchhalten. Beobachten, was passiert. Schauen, wo ich noch Schwierigkeiten habe. So ganz nebenbei versuche ich auch, weniger Verpackungsmüll zu erzeugen. Von Zero-Waste bin ich traurigerweise noch weit entfernt, und da ich auf dem Kaff lebe und nicht in der Stadt, ist es für mich leider oft zu aufwändig, bestimmte Produkte unverpackt zu bekommen. Aber ich will mehr darauf achten und mich mehr anstrengen. Ein Supermarkt in der Nähe hat gerade bei vielen Gemüsen auf unverpackt umgestellt oder auf ganz einfachen Pappkarton. Das ist extrem hilfreich, und ich hoffe, dass noch viele diesem Beispiel folgen werden!

*) Ich habe mich an meine No-Buy-Regeln gehalten, von einer bedauerlichen Ausnahme abgesehen. Insgesamt habe ich in diesem Vierteljahr gekauft:

  • Zwei Longsleeves (ich hatte vorher kaputte und ungeliebte aussortiert)
  • Stoffkisten zum Aufräumen von konmarie-tem Zeug (hatte ich nicht und waren schon länger nötig)
  • Eine Haarspülung (war leer)
  • Retinoid und Hyaluron von The Ordinary (war leer)
  • Drei Toner, weil meine beiden leer waren – da habe ich also einen Ausreißer gehabt 🙁
  • Salzspray für mein Haar, ein schlechtes, das nur schlimme Dinge machte, und danach ein gutes
  • Dazu Kunstsachen, vor allem Marker für meine aktuelle Markerphase, und eine Tasche, in der ich sie transportieren kann

Ich faile beim No-Buy: Wie ich es nicht schaffe, mich auf einen Nachkauf zu beschränken

Es stimmt. Ich probiere gerne neue Sachen aus. Ich habe schon darüber geschrieben, dass es zum Teil daran liegt, dass ich einfach Spaß daran habe, neue Dinge zu entdecken.

Aber eine andere Facette ist mir inzwischen auch klar geworden: Ich habe für einige „Probleme“ noch keine „Lösung“ gefunden, oder, noch schlimmer: Meine „Lösung“ gibt es nicht mehr.

Ich will doch nur testen!

Ein Beispiel: Salz-Spray fürs Haar. Ich habe seit ein paar Jahren einen Bob, und ich mag es, meine Haare wuschelig zu tragen. Gutes Salzspray ist dafür toll, es gibt Textur und macht die Haare ein bisschen strähnig, aber nicht zu sehr. Mein geliebtes Bamboo-Salzspray gibt es jetzt aber einfach nicht mehr. Also: Neues suchen. Und da es für solche haarsachen einfach keine Tester gibt, bin ich auf einen Glücksgriff angewiesen.

Ich war stark und habe nur ein neues Salzspray gekauft, nachdem das alte, gute leer war. Und: es ist einfach schlecht. Es macht die Haare strohig und trocken, aber dabei nicht griffig, sondern schlapp und schwer. Worst-of-Salzspray von der Eigenmarke von Rossmann. Also werde ich nachher ein neues suchen. Vielleicht habe ich ja dieses Mal Glück.

Und neulich sind mir meine Gesichtstoner ausgegangen. Nicht zuletzt, weil der Toner von meinem Mann mitbenutzt wurde – und jetzt gibt es den „Aloe Toner 98%“ von Holika Holika nur noch als Import. Orr. Und gute Toner ohne Mikroplastik, Alkohol und Gedöns gibt es eh nicht in der Drogerie soweit ich weiß – und dabei will ich doch Versandkosten und Verpackungsmüll sparen… Also habe ich drei (jaja) Toner bestellt, in der Hoffnung, dass einer von ihnen gut ist und ich nichts neu bestellen muss. (Und dass einer von ihnen in den Besitz meines Mannes übergehen wird.)

Und jetzt habe ich das umgekehrte Problem: Sie sind alle ziemlich gut! Ich werde sie also nacheinander aufbrauchen und muss mich genauer beobachten und eine Möglichkeit finden, wie ich sinnvoll Dinge nachkaufen kann, die ich nicht selbst testen kann.

Von Mode, dem Frühlingserwachen der Kauflust und Klimaschutz durch Verzicht

Ja, tatsächlich. Meine Datumsanzeige auf verschiedenen digitalen Endgeräten sagt, es ist März, und zwar schon fast eine Woche lang! Also haben sie sich enntweder gegen mich verschworen (immer möglich), oder der Februar ging einfach sagenhaft schnell vorbei.

Und ich glaube, ich bin immer noch in der Gewöhnungsphase meines No-Buy-Jahres. Aber langsam, langsam geht es besser. Ich schaue immer seltener in Schaufenser und überlege, was ich noch kaufen kann. Und ich surfe nur noch selten Onlineshops ab, um nach neuem Zeug zu schauen.

Aber jetzt kommt der Frühling.

Ich weiß schon jetzt, der Frühling wird eine Herausforderung. Nach monatelanger Existenz im dunkelblauen Winterjacken-Kokon mit vor allem funktionalen Schichten darunter dürste ich nach leichten Stoffen, leuchtenden Farben und gewagteren Schnitten. Mein Auge ist so depriviert wie meine Seele, und ich merke, wie ich immer mal wieder in Schaufenster lunse. Wenn ich schon nichts kaufe, will ich doch wenigstens wissen, was so angezogen wird im Frühling, von anderen Menschen. Von modebewussten Menschen. Um mich irgendwie daran zu orientieren.

Ist das nicht merkwürdig? Einerseits: Ich habe schon immer besonders viel Spaß am Verkleiden gehabt, wenn auch nicht an dieser verknöcherten Seltsamkeit, die sich „deutscher Karneval“ nennt. Andererseits: Was ist denn „modebewusst“ bitte für eine Eigenschaft, und wieso ist mir das eigentlich wichtig? Laut Wiktionary heißt „modebewusst“ „sehr auf die Mode achtend“. Laut Duden online heißt es „sich bewusst nach der Mode richtend“.

Was ist eigentlich Mode, und warum ist sie mir (bisher) wichtig?

Jetzt komme ich wohl nicht darum herum, aufzubohren, was Mode eigentlich ist. Ich fange mal mit der Definition der Wikipedia an:

Mode (aus dem Französischenmode; lat.modus ‚Maß‘ bzw. ‚Art‘, eigentlich ‚Gemessenes‘ bzw. ‚Erfasstes‘) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum geltende Regel, Dinge zu tun, zu tragen oder zu konsumieren, die sich mit den Ansprüchen der Menschen im Laufe der Zeit geändert haben. Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.

Wikipedia

Und weiter unten zum soziologischen Aspekt:

Elemente neuer Moden werden schneller übernommen von Gruppen, die offen sind für Neues, die gerne experimentieren, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, die etwas verändern wollen, […] und die sich als eigenständige Persönlichkeiten darstellen wollen, die sich also von ihrem Selbstverständnis gern von der Masse der Bevölkerung oder vom Establishment abgrenzen.

(Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Mode ist leider etwas krude geschrieben und enthält leicht abfällige Töne, die ich so auf der englischen Seite nicht gefunden habe. Ich vermute die übliche Verzerrung, die speziell in der deutschsprachigen Wikipedia-Community herrscht.)

Diese soziologisch-politische Bedeutung von Mode spielt bei mir durchaus eine wichtige Rolle. Nonkonformität nicht nur zu leben, sondern auch nach außen hin zu zeigen, ist mir wichtig. Interessant finde ich gerade die Beobachtung, dass ich das in der Vergangenheit oft dadurch gemacht habe, möglichst modische Stücke zu kaufen und mit als eine der Ersten zu tragen. Vermutlich sollte das ein Ausdruck verschiedener Facetten meiner Persönlichkeit und Einstellungen sein, im Verdacht stehen meine Offenheit für Erfahrung und meine gesellschaftliche Orientierung in Richtung Progressivität und Veränderung.

Alles neu macht der … März

Mindestens in diesem Jahr werde ich aber neue Ausdrucksformen dafür finden müssen. Dank Marie Kondo ist mein Kleiderschrank immerhin sehr aufgeräumt, so dass ich mich schnell orientieren kann und schnell die Klamotten finden kann, die ich gerade gerne anziehen will. Und ich freue mich schon sehr auf all die schönen Sachen, die ich schon habe und die den ganzen langen Winter im Kleiderschrank geschlafen haben. Endlich wieder leichtere Hosen! Endlich wieder Hemden statt Pullover, oder – ich wage kaum, daran zu denken – leichte Tops!

Und das alles wird mir nur etwas verdorben von der Tatsache, dass es im März eigentlich nicht so warm sein sollte. Dass der Februar viel zu warm war. Durchschnittlich 3,9 °C zu warm in Deutschland, das ist ehrlich gesagt beängstigend.

Mein einziger Trost ist, dass ich durch weniger undurchdachten Konsum auch weniger Müll mache: Für mich muss dieses Jahr kaum etwas produziert werden, was nicht Nahrung ist. Immerhin ein winziger Schritt in die richtige Richtung.

Belohne dich doch mal!

Letzte Woche ist nach langer Zeit ein wichtiges Projekt fertig geworden. Und nach einer anstrengenden, aber guten Woche ist auch heute ein guter Tag. Ich arbeite konzentriert und kann fast unmittelbar Erfolge sehen. Das ist toll!

Wäre da nicht plötzlich dieser aufkeimende Wunsch nach einer Belohnung. Etwas kaufen. Was schönes! Etwas, was ein gutes Gefühl macht. Was meine Augen satt macht und mir einen kleinen Kick gibt, wenn ich es in den Händen halte. Ein Halstuch, ein Lidschatten, Schuhe, Tasche, irgendwas, nur schnell her damit!

Es irritiert mich, dass mir der Kick offenbar nicht ausreicht, wenn ich etwas gut gemacht habe und das sogar ganz unmittelbar zu sehen ist. Dass ich trotzdem das Gefühl habe, eine Belohnung „verdient zu haben“.

Ich gieße mir erst Mal eine Tasse Tee ein, lehne mich zurück und höre Musik, die ein bisschen klingt wie in den 80ern, nur besser. Das ist meine Belohnung.

Die radikale Freiheit des Konsumverzichts

Ist Kapitalismuskritik wieder schick? Nein? Gut, dann können wir ja loslegen. Ich mache ja 2019 dieses No-Buy-Jahr. Ein Jahr lang nichts kaufen außer Essen, außer Dingen, die ich wirklich leer mache. Ein Jahr lang Verzicht.

Eine Werbeanzeige für tolle Klamotten.
„Verpass es nicht, unser Sale läuft nicht ewig! Bis zu 70% Rabatt auf ALLES!“
Auf alles, was ich nicht brauche. Das sind immer noch 30%, die ich bezahle. Und Verschwendung.

Aber ist es das wirklich, Verzicht? Es stimmt, ich kaufe nichts, wenn ein Impuls daherkommt. Nicht, wenn ich auf dem Handy scrolle, und auch nicht, wenn ich durch die Straßen gehe. Aber ist das denn zwangsläufig eine Einschränkung? Ist das ein Einschnitt in mein Leben, hindert mich das, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen?

Eine Werbeanzeige für schicke Brillen.
„Neu eingetroffen! Klassische Brillen sind immer stylish! Kauf 1, zahl nur 50% für den Rest!“
Neu, neu, neu. Und mehr.

Du willst es doch auch.

Vorweg: Ja, klar ist mein No-Buy ein Verzicht! Duh. Aber ich lerne gerade, dass das nichts Schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Ich lerne mich selbst kennen. Lerne, wann ich schwach bin, empfänglich für Verführungen und Versprechungen. Wenn ich müde bin. Wenn ich gestresst bin, meine Laune im Keller ist. Wenn ich denke: „Und wann komme ich?“ Wenn ich enttäuscht bin. Dann will mein Hirn sich seine Belohnung holen. Ohne Aufschub, schnellschnell, Knopf gedrückt, Dopamin da.

Und ich lerne Werbung besser kennen, die mein müdes Hirn genau kennt und mit seinen Ängsten und seinem Begehren spielt: Kauf jetzt, kauf schnell, kauf viel! Denk nicht nach, klick einfach! Einfach. Hier, kauf dir Schönheit, kauf dir Stil, kauf dir, kauf! Reduziert, reduziert, aber nur für kurze Zeit! Bald nicht mehr, und dann ärgerst du dich. Rabattcode, exklusiv! Nur jetzt. Jetzt.

Eine Werbung, auf der fett "Sale bis zu 50% Rabatt!" steht.
„Sale. Bis zu 50% Rabatt! Es ist Zeit!
Zeit für wen oder was

Nein sagen heißt mehr Freiheit.

Mein bewusstes Neinsagen zu den diversen bunten Auswüchsen des Kapitalismus nimmt mir nur auf einer Seite Möglichkeiten. Es ist jetzt viel schwerer, einen „quick fix“ zu kriegen, ich kann nicht mehr das Knöpfchen drücken und mich selbst ein bisschen mehr happy machen. Auf der anderen Seite gewinne ich neue Möglichkeiten hinzu. Ich gebe Geld nicht aus, das ich hinterher für andere Sachen einsetzen kann – oder auch nicht.

Ich sehe das gerade lebhaft an mir und an den Berichten der anderen Menschen, die mit mir dieses No-Buy-Jahr begonnen haben. Für manche ermöglicht ein No-Buy erst die ganz grundlegende Versorgung. Manche geben das Geld an anderen Stellen wieder aus, um an etwas Besonderem lange Freude zu haben, zum Beispiel an einzigartigen Erlebnissen, oder an einem Tattoo. Manche Menschen lernen, zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich Geld auf dem Konto zu lassen, auch, wenn es da vor einem Monat schon war. Und für einige Menschen bedeutet dieses Mehr an Geld ein Mehr an Sicherheit in der Zukunft.

Auf mich treffen gleich mehrere dieser Aussagen zu. Nie war ich mir meines Konsumverhaltens im Kapitalismus so bewusst, wie im Moment. Nie habe ich mich den grundlegenden Ideen des Kapitalismus‘ ferner gefühlt als im Moment. Wohin ich schaue, sehe ich Überfluss, Verschwendung. Unnützes Zeug, gerade gut genug für den Kick für den Augenblick. Befriedigung niedrigster Triebe.

Ja, mein No-Buy ist ein Verzicht. Aber mein No-Buy ist keine Einschränkung.

Das Problem mit schwammigen Kategorien im No-Buy

Letztes Wochenende habe ich damit verbracht, meinen Kleiderschrank nach der Konmari-Methode auszumisten. Angesteckt war wurde ich durch die Netflix-Serie, aber auch durch Distel und insgesamt die Leute auf Mastodon. Das Aussortieren war sehr, sehr gut, wenn auch gleichermaßen anstrengend, und ich werde dazu noch einen Artikel schreiben. Dazu fehlen mir aber noch die letzten Schritte, daher bitte ich noch um Geduld.

Was ich aber gemerkt habe, als ich meinen Kleiderschrank aussortierte: Ich habe in den letzten Jahren zu viel Geld für zu viele Klamotten von zu schlechter Qualität ausgegeben. Viele der Oberteile, die in den Altkleidersack wanderten, waren weder nachhaltig noch besonders schön. Darin lag auch ihre Überflüssigkeit: Sie waren nicht besonders für mich. Sie waren beliebige Konsumgüter, zum Teil nie getragen.

Ein großer, chaotischer Berg von Kleidungsstücken, die durcheinander fallen.

Was ich dabei auch merkte, war: Mir fehlt eine bestimmte Art von Oberteil: Ein einfaches Longsleeve. Schwarz, relativ warm, um es im Winter unter Pullover zu ziehen oder im Frühling und Herbst als Oberteil zu tragen. Mit einem normalen Kragen, keinem Rollkragen. Ich hatte vor dem Aussortieren vier Rollkragenoberteile, von denen ich zwei wegen schlechter Qualität wegsortiert habe. Ich habe einige Hemden, die ich unter Pullover tragen kann. Und ich habe ein einziges, weites, quergestreifes Longsleeve. Und ein dünnes Dreiviertelarm-Top in blassem Rot. Ich mag die beiden gerne, auch die zwei übriggebliebenen Rollkragenoberteile, aber ich habe das Gefühl, dass mir ein Oberteil fehlt. Ein absolut einfaches Basic-Teil.

Wieso ich das bisher nicht gewusst habe, ist eine gute Frage. Ich denke, ich habe die Sachen getragen, die jetzt dem Ausmisten zum Opfer gefallen sind: Meh-Teile, die sich schlecht anfühlten, in denen ich schwitzte, die nicht richtig passten oder die inzwischen alt waren und das Elasthan ausgenudelt. Jetzt, da ich nur noch Dinge im Kleiderschrank habe, die ich wirklich mag, sehe ich die Lücke erst. Ich habe nicht jeden Tag Bock auf einen Rollkragen oder Hemdkragen, die stören mich oft. Und das gestreifte Top ist irgendwie mehr für drüber als für drunter. Der Stoff ist fest, und unter hellen Pullis kann ich es nicht tragen, ohne, dass das Streifenmuster durchguckt.

Jetzt stehe ich in meinem No-Buy-Jahr ein bisschen vor einem Luxusproblem. Mein Dilemma ist: Ist „schwarzes Longsleeve“ eine eigene Kategorie, die nach meinen Regeln einen Kauf rechtfertigen würde? Oder ist „langärmliges Oberteil“ die (weiter gefasste) richtige Kategorie?

Ich bin nicht sicher, ob ich mich hier selbst betrüge. Und gleichzeitig weiß ich auch nicht, wie lang das Thema überhaupt wichtig sein wird: Wird dieser Winter kurz oder lang? Werde ich mich in zwei Monaten ärgern, weil ich dauernd friere oder einen aufgescheuerten Hals von den nervigen Kragen habe?

Ich muss auf jeden Fall noch mindestens eine Woche warten, bis ich nach meinen No-Buy-Regeln etwas kaufen kann. Ich hoffe, dass ich danach klarer sehe.

Eine Ewigkeit in der Bahnhofshölle: Wie mein No-Buy meine Wahrnehmung verändert

Wir waren in der Stadt™️. Nicht zum Einkaufen, sondern in einem Museum. Aber dann mussten wir irgendwann zurück, und weil wir kein Auto haben und auch keins ge-carshart hatten, nahmen wir den Zug. Allerdings war Wochenende, und das bedeutete für uns, dass es unseren Zug leider nicht gab.

Und mit kleinem Kind am Bahnhof fast eine Dreiviertelstunde lang Zeit totschlagen ist eine echte Aufgabe. Was also tun?

Wir gingen also in einer Buchhandlung. Mir war schon den ganzen Tag über mein No-Buy sehr bewusst gewesen, denn normalerweise spähe ich in der Stadt™️ immer nach neuen Dingen. Was haben die Leute an? Was ist in den Schaufenstern neues? Neue Geschäfte? Neue Cafés? Und oft genug fahre ich dann mit etwas Neuem in der Tasche nach Hause. Natürlich etwas Neuem, das ich nicht brauchte.

In der Bahnhofsbuchhandlung des Grauens

Wie sinnlos ich bisher die Zeit am Bahnhof vertrödelt habe, merkte ich dieses Mal deutlicher als sonst. Durch meinen Vorsatz, nichts zu kaufen, war meine Lust darauf, neue Dinge zu entdecken, stark eingeschränkt. Da mein No-Buy auch Bücher beinhaltet, galt das natürlich auch für die Buchhandlung im Bahnhof.

Und so strich ich mit einem für mich sehr neuen Blick durch die schmalen Gänge zwischen den ausgestellten Büchern. Ich sah nicht mehr Romane, Selbsthilfebücher, Notizbücher, Stifte, Krimskrams, den ich vielleicht kaufen könnte. Ich sah Zerstreuung für ein paar Stunden in wechselnder Komplexität und oft fragwürdiger Nachhaltigkeit. Ich sah nette Vorsätze, für die die Energie zwar leider fehlt, aber vielleicht kann man die ja gleich mit kaufen? Ich sah den kaufbaren Wunsch, das Leben durch ein Buch einfacher zu machen. Ich sah Belohnungen für einen anstrengenden Tag, Bestechungen für Kinder, Bauchpinselungen fürs Ego.

Bücher in einer Buchhandlung: "Meditation" und "Shut up and Run"
Käufliche Erleuchtung, käuflicher Sport. So praktisch!

Ich fand es fürchterlich. Mir war die Fixierung auf den Konsum von Büchern so nie bewusst gewesen. Mir war schon klar, dass viele Bücher, vor allem diverse Esotherik- und Selbsthilfeschinken, vor allem dem eigenen guten Gefühl dienten, aber nie vorher hatte ich bemerkt, wie viele Bücher und sonstige Artikel in einer Buchhandlung einfach nur der banale, schnelle Fix waren.

Kalender in einer Buchhandlung: "Beste Freundinnen", "Momente der Achtsamkeit" und "Wanderparadies Deutschland".
Endlich ein Kalender für „Beste Freundinnen“! Oder nehme ich doch den „Momente der Achtsamkeit“?

Mir war kurzzeitig so widerlich zumute, dass ich auf die gegenüberliegende Seite des Bahnhofs in einen „Nanu Nana“ floh. Floh! In einen „Nanu Nana“! Tja.

Kauf mich, denn es gibt mich im Sonderangebot!

Und dann wartete hinten in der Kinderecke noch eine besondere Versuchung für mich: Glow-in-the-Dark-Murmeln. Ich meine, muss ich mehr sagen? Glow! In the Dark! Murmeln! Und sie waren gar nicht teuer.

Ein Display, das für "Mondschein Murmeln" wirbt. "Leuchten im Dunkeln!" Das Display sieht aber gar nicht so cool aus.
Sie heißen Monscheinmurmeln!

Ich habe eine schlimme Schwäche für Leuchtdinge. Dieses Blog endete nicht zufällig mit dem Namen „Glowpen“! Ich habe leuchtende Quietschetiere, leuchtende Acrylfarbe, einen nachtleuchtenden Flummi, nachtleuchtende Klebesterne. Okay, die meisten nachtleuchtenden Sachen habe ich schon mumpfunddreißig Jahre, aber das ist irrelevant. Glow! In! The! Dark!

„Soll ich dir die Murmeln schenken?“, fragte E. Ich gebe zu, ich war kurz versucht.

„Nein, das ist Bescheißen. Außerdem brauche ich die gar nicht wirklich…“, sagte ich.

Und ich bin sicher, das stimmt auch.

Etwas Neues: Was ich eigentlich suche, und was ich mir statt dessen kaufe

Mein No-Buy läuft jetzt etwas über eine Woche. Und ich erwische mich immer noch dabei, dass ich die Webseiten besuche, auf denen ich früher gerne eingekauft habe, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt. Dass ich durch Läden gehe und gucke, was es Neues gibt. Was ich noch nicht ausprobiert habe. Ich will trotz meines No-Buy-Jahres auf dem Laufenden bleiben.

Was genau heißt das eigentlich? Was heißt das, bin ich etwa besonders anfällig bin für dieses Neue, nach dem ich immer suche? Was davon ist eigentlich Ausdruck meiner Persönlichkeit, und was davon habe ich durch geschickte Verstärkung gelernt?

Und wer oder was hat mein (Kauf-)Verhalten verstärkt?

Was ist das „Neue“, dem ich hinterherjage?

Ich bin eine derjenigen, bei denen der Offenheit für Erfahrungen wegen des Deckeneffekts nicht mehr valide gemessen werden kann, sprich: Ich bin extrem neugierig, wissbegierig, Neuem gegenüber äußerst positiv eingestellt, suche stets Abwechslung und fokussiere stark auf neuen Input. Das ist nicht besser oder schlechter als das nicht so zu empfinden, das bin einfach ich.

Diese Offenheit für Erfahrungen macht mich aber, das verstehe ich inzwischen, zu einem gefundenen Fressen für die Stimmen, die mir raten, diesen Impulsen ständig nachzugeben. Also eigentlich alle Stimmen, die irgendwas mit Werbung zu tun haben. Neuer Lippenstift? Pssst! Gleich ausprobieren! Neuer Modetrend? Hui, wenigstens mal im Laden gucken, oder doch gleich kaufen? Was neues abgefahrenes zu Essen? Muss ich sofort probieren, wo kriege ich das jetzt schnell her?

Dabei vermischen sich bei mir zwei Dinge: Meine Freude daran, Neues zu erleben auf der einen Seite. Dieses Neue kann nämlich eigentlich alles sein: Neue Sinneseindrücke. Neue Menschen. Neue Erfahrungen. Neues Wissen. Ja, und auch neue Dinge. Und die wilden Versprechungen der Werbung, dass ein einfach verfügbares, käufliches neues Produkt der Schlüssel zu einem neuen Erlebnis ist auf der anderen Seite: Es ist besser! Es ist schöner! Es ist so unvorstellbar anders und einzigartig! Nie dagewesen! Neuneuneu! Der Lippenstift hat eine Farbe, die du noch nie gesehen hast! Der Modetrend ist nie zuvor dagewesen! Und das neue Essen (ist zwar einfach von anderen Kulturen geklaut und künstilich westlich aufgehyped, aber) bringt dir ungeahnten Genuss.

Der auf diese Weise aufgeladene und aufgebauschte Wunsch nach kaufbaren neuen Erfahrungen führte bei mir dazu, dass ich mich im Konsum verlor. Dass ich mehr kaufte, um mehr zu erleben. Die Folgen sehe ich jeden Tag: Ich habe im Moment noch fünf angebrochene Deos herumstehen. Vier Shampoos habe ich in der Wohnung zusammengesucht (dabei habe ich schon eines verbraucht). Ich fange gar nicht mit meinen Haarstylingprodukten an. Oder mit meinen Lippenstiften.

Konsumieren um zu existieren

Ist es mein Wunsch, mitreden zu können? Die Freude daran, Tipps geben zu können? Es ist sicherlich einfacher, etwas zu kaufen und so neue Erfahrungen zu erwerben, als sich die Mühe zu machen, etwas über neue Ideen und Konzepte zu lernen. Als ein neues Hobby zu lernen, und ich meine jetzt nicht einfach eine Materialschlacht zu vollführen, sondern eine Fähigkeit zu lernen. Vielleicht eine Sprache, ganz ohne viel Kaufzeug. Das ist viel, viel schwieriger.

Und das Versprechen nach Neuem wird bei diesen nicht-materiellen Erwerbungen auch nicht ständig durch Werbung verstärkt. Kein Plakat plärrt mich an: „Lern endlich was über die Politik der 1920er Jahre!“ – zumindest nicht, ohne mir gleich ein alle-Probleme-lösendes Kaufprodukt direkt unter die Nase zu halten. Kein Radiospot sagt: „Siebenbürger Küche wie deine Oma sie gekocht hat, lecker-lecker-lecker-lecker!“, und kein A-, B- oder C-Promi umschmeichelt mich mit „Bring dich auf den aktuellen Stand in deinen Fachgebieten!“ Die wollen mir alle nur was gegen meine Falten verkaufen.

Ich merke, dass Konsum zu einer Ausdrucksform geworden ist. Ich kaufe, also bin ich. Und ich bin, was ich kaufe. Nein: Ich kaufe, was ich sein will. Ich will schön sein, dann kauf ich mir Lippenstift. Ich will modern sein, dann kaufe ich mir irgendsoein Modeteil, das ich genau eine halbe Saison anziehen kann. Ich will erfolgreich sein, dann kaufe ich mir, was andere erfolgreiche Menschen bewerben! Es ist so einfach. Es ist zu einfach.

Schnell, kauf was, sonst verlierst du den Anschluss!

Und da ist noch dieser andere Gedanke: Ich will den Anschluss nicht verlieren. Ich frage mich: Den Anschluss woran? An eine Gesellschaft, die munter auf die Klimakatastrophe hinkonsumiert? An Mode, die sich schneller ändert, damit mehr gekauft wird, damit mehr weggeschmissen wird? Werden hier Werte vertreten, denen ich mich anschließen möchte?

Verliere ich den Anschluss daran, auf Parties über oberflächliche Themen reden zu können? Wen will ich hier eigentlich beeindrucken? Sollte ich dieses Konformitätsbedürfnis nicht mit dem Verlassen der Schule hinter mir gelassen haben?

Es scheint an der Zeit, kritisch darauf zu schauen, an wen und was ich mich da eigentlich anschließe. Welchen Bedürfnissen ich unhinterfragt nachgebe. Durch meinen Konsum. Durch meine Käufe. Durch meine Entscheidungen.

Schockierend: Ich verbrauche Dinge!

Seit ich Anfang des Jahres mit meinem No-Buy begonnen habe, habe ich mir nichts Neues gekauft. Das ist noch nicht lange her, noch nicht mal eine ganze Woche, selbst wenn ich miteinberechne, dass ich wegen der Feiertage schon am 29.12.2018 gestartet bin. Und trotzdem merke ich, dass sich schon Kleinigkeiten ändern. Am deutlichsten merke ich das gerade, weil ich Dinge verbrauche. Also richtig aufbrauche, leer mache, bis nichts mehr übrig ist und ich die Verpackung entsorge.

Ich habe gestern ein Cremedöschen bis auf den letzten Rest ausgekratzt, und eines meiner drei sich in Benutzung befindlichen (!) Shampoos ist seit gestern auch leer. Meine Lieblingsspülung ist fast aufgebraucht, die andere wird auch spürbar weniger. Früher wäre das der Punkt gewesen, wo ich nervös geworden wäre und mir Sachen schon mal vorsorglich nachgekauft hätte. Jetzt geht das nicht. Ich habe noch eine Creme, noch mindestens zwei Shampoos und genannte Reste von Haarspülung. Das muss erst alles weg. Erst dann darf ich überhaupt darüber nachdenken, es nachzukaufen.

Es klingt komisch, aber ich habe oft Probleme damit, Dinge bis auf den letzten Rest aufzubrauchen. Vermutlich, weil ich Angst habe, dass ich so etwas Gutes nie wieder bekomme. Vermutlich verknüpft mit der Sorge, nicht mehr das Geld zur Verfügung zu haben. Das ist die gleiche Angst, die sich früher darin äußerte, dass ich Dinge nicht einmal benutzen konnte. Der schönste Pullover blieb im Schrank, meine Lieblingsspülung benutzte ich nicht, weil sie zu gut war. Nur für besondere Anlässe wurden sie verwendet.

Was hat sich jetzt durch das No-Buy geändert?

Was sich genau geändert hat, ist eine gute Frage. Ich denke, mir ist klar, dass ich jetzt Dinge verbrauchen muss. Restlos. Denn solange ein Rest da ist, kann ich mir nichts anderes kaufen und das Ende einer geliebten Sache länger herauszögern. Es geht einfach nicht, meine Regeln erlauben das nicht. Um neues Shampoo zu kaufen, darf kein anderes Shampoo mehr da sein. Keine von meinen drei angebrochenen Flaschen in der Dusche darf übrig sein. Und kein anderes, das ich eventuell irgendwo sonstwo gelagert habe.

Es ist gut, Dinge zu verbrauchen, merke ich. Das Zeug, das rumsteht wird weniger. Die Entscheidungen, die ich morgens beim Duschen noch vor dem ersten Kaffee treffen muss (Shampoo 1, 2 oder 3? Letzte Chance – vorbei!) werden weniger.

Ich bin nicht traurig darum.

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