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Gibt es ein Leben nach dem No-Buy? Von Geld, Kontingenten und Budgets

Ein Jahr lange nichts kaufen hat Spuren hinterlassen. Auf dem Konto und in meinem Verhalten. Aber wie jetzt weitermachen? Nie wieder etwas kaufen? Für immer nix?

Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Konsumverzicht ist sicherlich eine von vielen Möglichkeiten, den CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Und ich tendiere wie immer zu Extremen: Alles oder nichts, ganz oder gar nicht. Eine meiner Lernaufgaben in diesem Leben scheint zu sein, Ambiguitäten auszuhalten und Mittelwege für mich zu erschließen. Vielleicht mit einem Budget? Hmm. Das Problem:

Ich hasse Budgets.

Ich mag es nicht, im Kopf zusammenzählen zu müssen, wie viel ich in einem Monat für X ausgegeben habe oder für Y. Es erinnert mich so sehr an die Zeit, in der ich am 15. genau noch 43 Euro hatte, um mir Essen für den Rest des Monats zu kaufen, und danach war alle. Es zieht mich runter. Es fühlt sich dunkel an und bitter. Ich hasse es, ja, aber ich brauche ein Maß, um mich zu regulieren. Denn von mir aus, automatisch, kommt das wie ich gelernt habe nicht.

Ein festes Budget wäre die eine Möglichkeit. Eine zweite wäre die Einschränkung, nur Ersatz zu kaufen für Dinge, die kaputt oder verbraucht sind – also das No-Buy weiter durchhalten. Die dritte Möglichkeit wäre ein Kontingent, also mir nur eine bestimmte Anzahl an Dingen in einem festgelegten Zeitraum zu erlauben.

Budget oder Kontingent?

Ich überlege also hin und her. Ein Budget würde meinem Konto sicher gut tun. Meine Ausgaben wären über das Jahr planbar, was sich irgendwie erwachsen anfühlt. Wie viele Dinge ich erwerbe und ob ich mein Budget ausschöpfe, wäre mir selbst überlassen.

Ein Kontingent auf der anderen Seite würde mir eine bestimmte Zahl an Käufen im Monat oder Quartal erlauben. Ungeachtet des Preises. Vorteil ist, dass die Menge an Zeug von vornherein begrenzt wäre, ich also nicht mehr als 12 oder 24 oder wie viel auch immer Dinge im Jahr erwerben würde. Aber was das kostet? Schwer zu sagen.

Grundsätzlich habe ich zwei Grundtendenzen in mir: Ich will gerne faire Preise für gute Qualität zahlen. Aber kaum bin ich an diesem Punkt, wird es schon schwierig, denn gute Qualität bedeutet nicht unbedingt hochpreisig. Und was genau fair ist, ist in unserer kapitalistischen Welt sehr schwer auseinanderzufuddeln. Ich würde sogar sagen: Es ist in unserer kapitalistischen Welt absichtlich schwer auseinanderzufuddeln.

Gleichzeitig habe ich den Drang in mir, viele Dinge haben zu wollen. Darauf bin ich nicht stolz, aber ich kann auch nicht so tun, als wäre es anders. Nur, indem ich diesen Drang, möglichst viel haben zu wollen, anerkenne und ihm nachspüre, kann ich lernen, warum das so ist, woher das kommt und wie ich damit umgehen kann. Oder, um ein Bild zu bemühen: Nur, weil ich die Augen an einer vielbefahrenen Straße zumache, fahren davon nicht weniger Autos. Aber ich laufe eher Gefahr, aus Versehen überrollt zu werden.

Ein Budget hätte also den Vorteil, meine finanziellen Ausgaben planbar zu machen, würde mir aber kein Limit an Dingen geben. Ein Kontingent andererseits würde mich in der Menge der Dinge einschränken, die ich kaufen kann, aber nicht im Preis.

Heilung durch Budgetierung

Meine schlechten Erinnerungen an erzwungene Budgetierung sind für mich ein Schlüsselpunkt in meinem Verhalten. Ich weiß, dass ich oft Dinge sinnlos kaufe, um mich frei zu fühlen. Um mir zu beweisen, dass ich es mir jetzt endlich mal leisten kann. Um mich zu belohnen. Ich muss lernen, das zu durchbrechen – und genau darum werde ich für 2020 mit der Budget-Methode arbeiten.

Macht ihr mit?

Und, wie war das No-Buy? Oder: Was ich 2019 gekauft habe

Mein No-Buy-Jahr nähert sich dem Ende. Ich habe viel gelernt: Warum ich mir Dinge kaufe. Wovon ich auf jeden Fall zu viel habe. Wie ich mich belohne, wenn ich denke, dass ich das jetzt mal „verdient“ habe. Was das vielleicht über mich aussagt.

Aber natürlich habe ich trotz No-Buy-Kaufverbots Dinge kaufen müssen. Manches ist kaputt gegangen in dem Jahr, manches war irgendwann verbraucht.

Hier mein Beichtzettel:

Januar

  • Zwei Longsleeves: Ein schwarzes einfaches, ein petrolfarbenes mit 3/4-Arm
  • Boxen für meine konmarieten Klamotten

Die Longsleeves fand ich nötig, nachdem ich beim Ausmisten festgestellt hatte, kaum noch welche zu besitzen und mir eines durch plötzliche Löchrigkeit wegfiel. Die zwei Longsleeves, die ich über den Avocadostore bei nachhaltig produzierenden Unternehmen geordert habe, sind toll. Ich mag vor allem das von Luxaa, die Qualität ist wirklich fantastisch.

Februar

  • Eine Bauchtasche, v.a. für Marker und meine Kunstperformance
  • Ziemlich viel Kunstzeug, vor allem Marker
  • 3 Toner (2 waren so gut wie leer) und Hyaluron / Retinoid von The Ordinary

Mit mehr zeitlichem Abstand kommt es mir wie eine „Kinderkrankheit“ meines No-buys vor, dass ich statt einem gleich drei Toner bestellt hatte. Die Sorge, etwas zu kaufen, was meinen Ansprüchen nicht genügt, und das dann benutzen zu müssen, ist ein wichtiger Faktor in meinem Einkaufsverhalten. Ich bin nicht stolz drauf, aber hey, immerhin weiß ich das jetzt.

April

  • Haarspülung
  • Mizellenwasser
  • Mascaras (schwarz und braun)
  • Pralinen

April war ich glaube ich ganz gut im No-buy angekommen. Und Pralinen dürfen sein.

Mai

  • 2 Tassen
  • Farben und Marker

Die zwei Tassen dienten dem Rauswurf von drei sehr alten, hässlichen Tassen. *shrug* Ich bin froh, dass ich die alten Dinger, die ich 1999 im Walmart gekauft habe, endlich los bin, da hingen nur schlechte Erinnerungen dran.

Juni

  • Festes Shampoo
  • Haarspülung
  • mehrere Sonnencremes (trial & error)

Ich verfluche alle Drogerien, die keine Tester für Sonnencremes haben! Einige von den Dingern stinken so widerlich, dass ich sie nicht mal an meinen Füßen benutzen könnte. Nach Mango, nach Alkohol, pfui Teufel. Dass viele Sonnencremes außerdem wie eine Schicht Schlick sind, die man auf sich verteilt, schlimmstenfalls eine Schicht Schlick mit Öl, davon will ich gar nicht erst anfangen!

Im Juni bin ich auch auf festes Shampoo umgestiegen. Und wow, ist das gut! Festes Shampoo bedeutet für mich: Weniger Verpackungsmüll. Keine Plastikverpackung. Es hält für mich außerdem viel, viel länger, im Schnitt nämlich zweieinhalb Monate! Eine Flasche Shampoo ist bei mir (tägliches Haarewaschen) nach 3-4 Wochen leer. Das Zeug stinkt auch nicht. Und es ist keine Haarseife, ich habe also nicht dieses komisch quietschige Gefühl in den Haaren und Haare, die schnell filzen. Absolute Empfehlung!

Juli

  • Sonnen-Lippenpflegestift (SPF 50)
  • 2 Paar feste Sandalen (3 waren kaputt)
  • Kunstsachen: Neue Tinten, Farben, die leer waren, Leinwand auf der Rolle

War alles nötig, war alles sinnvoll.

August

  • 1 neue schwarze Alltags-Mascara (alte war schlecht geworden)
  • 1 Sonnencreme für den Körper, 2 fürs Gesicht (waren nicht wirklich nötig!)
  • Kunstsachen: 2 Farben, die leer waren
  • Practice Pad und Drum Sticks
  • Neues festes Shampoo

August ist mein Geburtstagsmonat gewesen. Ich habe ein E-Schlagzeug bekommen, yay! Und dafür habe ich mir die Freiheit genommen, Sticks und ein Übungspad zu kaufen. Ich habe mich extra für ein kleines Practice Pad entschieden, was ich inzwischen bereue.

Mehr Sonnencremes für das Gesicht wären ganz strikt gesagt nicht nötig gewesen, aber ich hatte das Gefühl, meine Gesichtssonnencreme wäre fast leer und wir fuhren in den Urlaub. Ich bin ein absolutes Milchbrötchen und brauche guten Sonnenschutz, vor allem in den Alpen, daher finde ich diesen Fehler verzeihlich. Und ich brauche sie sicher auch auf.

September

  • Parfum: Sabé Masson Artist
  • Tagescreme von Kiehl mit SPF
  • Haarspülung
  • Concealer von Catrice
  • schwarzer Eyeliner
  • Lidschattenprimer
  • Bilderhaken, Schnüre, Passepartouts und Rahmen für Ausstellungen

Ich habe dieses Jahr so viel aufgebraucht! Und das fast ganz ohne Schwierigkeiten. Mein dezentes festes Parfum war nach 2 Jahren leer, diverse Concealer habe ich verbraucht, den Rest, den ich nicht verbrauche, werde ich nach diesem Jahr wohl mal entsorgen.

Bilderhaken und Schnüre waren nötig, weil ich sie für Ausstellungen meiner Gemälde brauchte.

Oktober

  • 2 Pullover
  • 1 Jeans
  • 1 warme Strickjacke (war kaputt)
  • 2 Paar Schuhe für 2 Paar Schuhe, die kaputt gegangen sind
  • Mizellenwasser

Der Oktober enthielt das Wochenende, an dem meine einzigen zwei Paar Schuhe, die ich mitgenommen hatte, kaputt gingen. Ich habe auch eine Strickjacke ersetzt, zwei warme Pullover gekauft und eine fancy Jeans. Die warmen Pullover waren meinem Gefühl nach nötig, weil ich durch Ausmisten und Verfilzen letztes Jahr so viele verloren hatte, dass ich nur noch zwei warme Pullover übrig hatte – ein wenig knapp für den Herbst. Die Jeans war streng genommen nicht nötig, aber mir fehlte nach dem Ausmisten eine Hose, die ich auch zu legeren bis formelleren Anlässen gut tragen kann.

November

  • Festes Shampoo
  • Haarkur
  • BHA-Peeling Paula’s Choice
  • Gesichtsseife
  • Gesichtscreme für den Winter von Avène

Ich werde älter, und der Winter macht Sachen mit meiner Haut. Nachdem ich alle möglichen Alternativen durchprobiert hatte, die meiner roten, schuppigen Haut leider nicht halfen, mistete ich das nutzlose Zeug aus und kehrte zurück zu dem fantastischen BHA-Peeling von Paula’s Choice und der gesichtscreme für empfindliche Haut von Avène.

Konsumscham? Ja, bitte!

Mein aktuelles No-Buy-Jahr hat mir vor Augen gehalten, wie viel ich normalerweise unbedacht kaufe. Ja, ich schäme mich, dass ich ein No-Buy gebraucht habe, um das zu sehen.

H&M-Chef Persson wird heute im Spiegel Online zitiert mit:

Solche breiten öffentlichen Aktionen hätten lediglich „einen kleinen Einfluss auf die Umwelt, aber schreckliche gesellschaftliche Konsequenzen“

Diese Aussage ist interessant, weil sie damit anderen Aussagen widerspricht. Da wäre zum Einen der Fakt, dass die Wirtschaft es üblicherweise nur zu gern den Einzelnen überlässt, eine Sache nicht zu kaufen (und idealerweise dann eine andere doch zu kaufen). „Abstimmung an der Supermarktkasse“ wird das dann genannt, und es ist ein beliebtes Mittel, die Politik von eigentlich dringenden Regulierungen abzubringen. Und auf einmal soll das nicht mehr ok sein?

„Wenn ihr nicht weiter kauft, dann geht alles den Bach runter!“ scheint uns Persson zuzurufen. „Erst die Wirtschaft, dann eure Jobs, dann die Welt!“

Spannend. Sehr spannend. Hat da jemand Angst vor einem Umdenken? Ich gebe zu, auf eine so verzweifelt wirkende Aussage reagiere ich in gleichen Anteilen mit Hoffnung und Häme.

Interessant ist aber auch, das Zitat in einen anderen Kontext zu setzen. Wenn die Handlung von Einzelnen kein Gewicht hat, dann sollte der Einzelne doch eigentlich gar keine Rolle spielen. Wozu also Werbung schalten? Das sollte nach der Logik ebenfalls sinnlos sein.

Spiegel Online zufolge machen die CO2-Ausstöße der Modeindustrie weltweit insgesamt 8-10% aus. Fast-Fashion-Marken wie H&M dürften dabei eine gewichtige Rolle spielen. Kein Wunder, dass die durch das endlich stärker werdende Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Klimakatastrophe sowie Konsum und Verschwendung ihre Felle davonschwimmen sehen.

Aus meiner Sicht ist dieser verzweifelte Hilferuf eines reichen weißen Typen ein ganz gutes Zeichen. Insofern: Konsumstreik! Und: Boykottiert, was das Zeug hält!

Wie Amazon meinen Geburtstag zerstörte

Und Weihnachten auch.

Früher war alles besser. Ok, nein, nicht alles. Aber meine Geburtstage, die waren besser. Ich traf mich mit Freund*innen, wenn sie nicht gerade im Sommerurlaub waren, wir feierten ein bisschen, und ich kriegte coole Geschenke. Überraschende Geschenke.

Ok, auch das stimmt nicht. Denn manchmal waren die Geschenke irgendwie nicht so gut: Das Fonduekochbuch war sicher eine nette Idee, und es stimmt ja auch, ich lieb(t)e Fondue! Aber irgendwie war es nix. Und der Kerzenständer, den ich einmal bekam, war auch nicht genau so, wie ich ihn mir ausgesucht hätte. Aber vielleicht lag genau darin ein gewisser Zauber.

Denn: All das war, bevor es meine Amazon-Wunschliste gab.

Wo ist der Zauber hin?

Irgendwann um das Jahr 2005 herum habe ich damit angefangen, meine Wünsche in die Wunschliste zu packen. Zeitweise hatte ich hunderte Dinge auf der Liste: Bücher natürlich, aber auch Musik, Kleidung, Werkzeug, Makeup, Sportsachen, Spiele, Zeug für die Küche, Schuhe, Schmuck, Farben. Meine Wunschliste war immer gut gefüllt und gut gepflegt, ließ sich nach Dringlichkeit des Wunsches oder Datum des Hinzufügens praktisch sortieren. Wer auch immer mir etwas schenken wollte, bekam die Antwort: Ich habe eine Amazon-Wunschliste!

Aber seitdem habe ich ein paar Dinge beobachtet.

Zuerst war ich happy: Ich hatte damals, Mitte der 00er, nicht viel Geld, und die Sachen, die ich mir wünschte, hätte ich mir von meinem Geld oft nicht kaufen können. Also wünschte ich sie mir, und manchmal bekam ich sie. Das war super! Das war – fast wie einkaufen!

Ich hatte von Anfang an Sorge, dass ich mich um den Spaß am Beschenktwerden bringen könnte, und stopfte meine Wunschliste darum immer so voll, dass ich mir nicht merken konnte, was alles drauf war. Genius! Das hieß andererseits aber, dass ich meist mehr auf die Liste tat, als das, ich mir eigentlich wirklich gewünscht hätte.

Und dass es vielleicht problematisch war, dass Amazon bei allem mitguckte und mitverdiente, war mir damals auch noch nicht bewusst.

Ich kaufe nicht, ich wünsche mir!

Irgendwann hatte ich mehr Geld und konnte mir selbst mehr Dinge kaufen, die ich brauchte oder wollte. Das war gut, ich kann Armut wirklich nicht weiterempfehlen. Nicht so gut: Ich erfüllte mir meine Wünsche in immer kürzer werdenden Abständen selbst, und auf meiner Wunschliste landeten nur noch wenige Sachen. Und ehrlich gesagt immer absurdere. Beschenkt werden fühlte sich immer unsinniger an, immer weniger nach etwas, was die Menschen gern taten, um mir eine Freude zu machen, sondern wie eine lästige Pflicht, für alle Beteiligten.

Vor ein paar Jahren zog ich die Reißleine. Ich versuchte wegzukommen von der Instant-Wunscherfüllung. Statt mir selbst alles zu kaufen, landeten Dinge, die ich wirklich wollte, immer seltener im Warenkorb und wieder öfter auf der Wunschliste. Die Wunschliste wurde relevanter. Nachteil: Manche Sachen wurden gekauft, manche nicht. Die wollte ich aber immer noch, also, ja, kaufte ich sie wieder selbst. Wünschen ist eben nicht einkaufen.

Seit der unseligen Wunschliste wurde ich nicht mehr von der Idee überrascht, die ein Mensch hatte. Gutscheine für gemeinsame Unternehmungen wurden ebenso weniger wie Selbstgemachtes. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wie ich meine Freund*innen ebenfalls mehr Geld zur Verfügung hatten und immer weniger Freizeit. Und sicher, es kam auch immer mal vor, dass Menschen sich über das Diktat des Wunschzettels hinwegsetzten. Aber das waren meist mutige Menschen, die mich dazu auch noch gut kannten.

Zugegeben, das ist Jammern auf hohem Niveau. Aber diese Amazon-Wunschzettelitis ist für mich zu einem Symbol für das geworden, was ich glaube zu wollen, aber eigentlich doch nicht will. Ein Symbol für die „du kannst alles haben, aber wenn du es kriegst, macht es dich nicht glücklich“. Denn was mich immer am meisten freut, sind die Gedanken, die sich jemand meinetwegen gemacht hat. Nicht die Kohle, die für mich verbrannt wurde.

Und für die Zukunft wünsche ich mir:

Ich habe meinen Amazon-Wunschzettel zum Start meines No-Buy stillgelegt. Ich will Amazon dieses Jahr komplett boykottieren, und das war ein logischer Schritt. Trotzdem möchte ich Menschen, die mich gerne beschenken wollen, nicht planlos im Regen stehen lassen.

Es gibt eine Menge andere Wunschzettelanbieter. Ich bin z.B. bei wunsch-index.de gelandet, es gibt aber auch wunschzettel.de oder nocake.de oder viele, viele andere Anbieter. Und ich schreibe oft vage auf, was ich mir wünsche, wie „ein gutes Kochmesser“. Das finde ich viel cooler, als mir eins auszusuchen und sozusagen selbst zu kaufen. Menschen, die mich beschenken wollen, können selbst überlegen, was „ein gutes Kochmesser“ ist, und ich mag das.

Noch besser würde ich es finden, wenn ich komplett abstrakt Vorlieben und Abneigungen notieren könnte, als Hilfe bei der selbstgesteuerten Suche nach Geschenkideen.

„Mag: Moderne Kunst (machen), *irgendwie andere* Fantasybücher, kreatives Schreiben, Feminismus, Utopien/Dystopien, kooperative Gesellschaftsspiele, 80s-Ästhetik, technische Spielereien, gutes Essen, minimalistisches Design, Kaffee, Ingwer, dunkle Vollmilchschokolade, Abenteuer, Japan, mit Freund*innen kochen, Whiskey, Fahrräder, Yoga, Indie-Makeup, Pilze sammeln, mit Liebe Selbstgemachtes, Dinge mit Charakter.
Mag nicht: Gurken, Melonen, Plastik, Wegwerfzeug, Konsumerismus, Autos, Hinstellzeug, Geschlechterklischees, Fast Fashion, Strandurlaube.“

So ungefähr. Es wäre noch cooler, wenn daraus jetzt wieder Suchen möglich wären oder so. Vielleicht muss ich sowas selbst basteln.

Marie Kondo, No-Buy, Zero Waste, Fridays for Future – dies ist eine Revolution!

Whoa whoa whoa! Halt, Stopp! Das sind aber viele Buzzwords in einem Titel! Ist das hier einer von diesen Clickbait-Artikeln? Nein. Ich verdiene nämlich gar nichts, wenn meine Artikel geklickt werden. („Whaaaaaaat!1!“) Nicht alles hat mit Kapitalismus zu tun.

Also zumindest nicht dieser Text, nicht so.

Jetzt, wo wir das aus dem Weg haben: Diese „Buzzwords“ sind gerade erstarkende Bewegungen, von denen manche politischer daherkommen als andere. Aber sie alle haben gemeinsam, dass sie etwas in unserer Gesellschaft sichtbar machen, das wir bisher vielleicht nicht so klar sehen konnten.

Arbeiten - Kaufen - Sterben auf einem Aufkleber
Foto von Daniel Schweighöfer.

Außerdem bin ich heute über den Artikel gestolpert Zehn Zwänge, die uns der Kapitalismus einbrockt. Neugierig klickte ich – und war von dem klitzekleinen Bogen, den der Artikel spannt, komplett unterrascht. Uh, ja, wir arbeiten für Geld, das war nicht immer so. Big Deal. Durchgeplante Arbeit führt zu durchgeplanter Freizeit. Gähn. Schnell wieder zugemacht und statt dessen angefangen, selbst zu schreiben.

Dabei berührt Kapitalismus uns viel tiefer. Er bestimmt unser Denken und Fühlen. Er verändert unsere Wahrnehmung. Er degradiert Menschen zu Verbrauchern, deren Sinn es ist, Waren zu fertigen, Dienstleistungen zu erbringen, zu konsumieren und dann zu sterben.

Marie Kondo, Göttin der Selbst-Genügsamkeit

Enter Marie Kondo. Sie schreibt uns nicht vor, was wir besitzen müssen. Sie sagt nicht, ob 10 Jeans zu viele, zu wenige oder gerade richtig viele sind. Sie sagt nur: Nimm dir die Zeit, dein Zeug in Ruhe anzusehen. Nimm dir die radikale Freiheit, ohne besondere Gründe Dinge auszusortieren. Nimm dir den Mut, alles kritisch anzuschauen und zu sehen, was dich davon glücklich macht.

Ein großer Berg Kleidung, aufgetürmt auf einem Bett.
KonMari, Stadium 1: Ein Berg Kleidung auf einem Bett aufgetürmt.

Die Erfahrung, die viele machen, die mit Hilfe von Konmari ausmisten: Es sind viel weniger Sachen als gedacht, die „Joy sparken“, also Freude auslösen. Viele Sachen sind Ballast, viele machen traurig, nageln eine*n in der Vergangenheit fest. Ich habe beim Ausmisten sehr stark gespürt, mit wie vielen negativen Gefühlen mein Zeug aufgeladen war. Ich hielt an Zeug, nein, an Müll fest, weil … ich irgendwann einmal Geld dafür ausgegeben hatte. Weil ich dachte, dass das „zu schade“ zum Ausmisten ist. Weil ich es ja noch mal brauchen könnte.

Aus Marie Kondo folgt: Es sind nicht die Dinge, die wirklich glücklich machen können. Die Dinge sind ein Mittel zum Zweck. Manche gewinnen wir lieb, füllen sie mit Bedeutung und guten Erinnerungen. Die sparken dann auch Joy, und wir halten lange an ihnen fest. Aber nicht, weil diese Dinge das von sich aus mitgebracht hätten. Sondern weil wir etwas mit ihnen gemacht haben.

No-Buy, die Rebellion der (Nicht-)Käufer*innen

In der Make-up-Community geht ein Gespenst um. Es heißt „No-Buy“, und es macht aus braven Konsument*innen der neuesten Lidschattenpalette, des krassesten Lippenstifts und dieser goldenen Gesichtsmasken Rebell*innen. Sie shoppen nicht im Laden, sondern in ihrem Stash, sie *shock* benutzen ihr Schminkzeug, statt sich neues zu kaufen. Sie rotten sich zusammen und ermuntern sich zum Nichteinkaufen, sie schauen sich das neue Zeug an und finden es nicht gut genug.

Das No-Buy ist für mich ein logischer Schritt nach dem Konmari-Ausmisten, auch wenn ich selbst erst mit dem No-Buy angefangen und dann ausgemistet habe. Aber nach der Feststellung, wie viel Zeug wir eigentlich alle besitzen, und wie wenig glücklich es macht, kommt die Erkenntnis, dass das impulsive Mehr-Kaufen von mehr Zeug nicht dazu führen wird, dass wir glücklicher sind, unsere Ziele eher erreichen oder uns langfristig besser fühlen.

Wenn das Zeug, das ich früher gekauft habe, mich jetzt nicht glücklicher gemacht hat – wird dann das Zeug, das ich jetzt kaufe, mich in Zukunft glücklicher machen?

Ich arbeite hart daran, nicht ein einziges Stück Müll bei mir einziehen zu lassen. Durch mein No-Buy habe ich mir eine Art Entgiftung verschrieben, die mich aus meinen Konsumgewohnheiten reißen soll. Und was soll ich sagen, es wirkt!

Auf dem Foto sind zwei Rouges zu sehen und zwei Puder fürs Gesicht. Bei den beiden Pudern schimmert in der Mitte der Boden des Behälters durch.
Rouge und Puder zu Beginn meines „Project Pan“.

Mit Misstrauen betrachte ich die Menschen, die durch Fußgängerzogen schlendern, eigentlich nur spazieren gehen, aber nicht durch Wald oder Feld, sondern durch den Konsum streifen. Mit Ekel schaue ich auf unter furchtbaren Umständen produzierte Waren, die in Läden hängen, die mit „25 % unserer Mode ist nachhaltig produziert!“ werben, ohne ausführen zu müssen, was das eigentlich sein soll, dieses „nachhaltig“. Mit Widerwillen schaue ich auf meine viel zu große Makeupsammlung, die ich zwar schon etwas ausgedünnt habe, aber die noch mehr Zeit brauchen wird, bis sie auf ein sinnvolles Maß geschrumpft ist. Mit Verachtung höre ich immer noch zu viele Politiker*innen, die Konsum, Arbeit und Würde miteinander koppeln. Als gäbe es keine Alternative. Als würde alles besser werden, wenn wir uns nur ganz, ganz dolle anstrengen und schnell viel konsumieren! Kauft, Leute, kauft!

Am besten gute deutsche Autos. Mmmmh, lecker Autos!

Our culture of work strains to cover its flaws by claiming to be unavoidable and natural.

Post-work: the radical idea of a world without jobs

Zero Waste: Wenn schon Konsum, warum dann nicht anders?

Und überhaupt, wenn wir etwas kaufen, wie kaufen wir es dann? Wieso sind meine Gurken eigentlich verpackt? Das muss auch anders gehen! Zero Waste ist das neue Bio. Denn Verpackungsmüll, damit das unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierte Gemüse von relativ weit weg möglichst keimfrei aussehend für möglichst lange Zeit in unseren riesigen Einkaufstempeln dümpeln kann, ist einfach mal kacke. Das kann man so hinnehmen – oder auch nicht! Wo einige schon darauf achten, fair produzierte Lebensmittel zu kaufen, steht bei Zero Waste die Müllvermeidung im Vordergrund. Ich bin jetzt nicht sicher, ob sich die Zero-Waste-Herangehensweise nur auf die Verpackung beim Kauf beschränkt, ich nehme es aber an, da es ziemlich schwierig ist, die komplette Produktionskette seriös zu durchleuchten.

Aber wäre ein Siegel dafür, Waren plastikfrei herzustellen, nicht eine erstrebenswerte Sache?

Fridays for Future, die Zukunft ist jetzt

Die Zeit wird knapp. Viel zu lange haben wir auf zu großem Fuß gelebt. Wir haben uns die Gegenwart von der Zukunft geliehen, und jetzt holt uns die Zukunft ein. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Es geht einfach nicht, Punkt. Nicht, wenn wir eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten haben wollen.

Das hat die Bewegung Fridays for Future erkannt. Sie haben so Recht. Nein, wir können in Zukunft nicht mehr fix nach Paris fliegen, dann zum Entspannen schön auf die Kanaren, und im Winter der Sonne hinterher nach Thailand. Wir können nicht, wenn wir die Welt nicht in katastrophalem Zustand hinterlassen wollen. Und zumindest ich bin nicht bereit, das billigend in Kauf zu nehmen.

Und vollkommen zu Recht fordert die Bewegung die Politik auf, gegenzusteuern. Denn auch wenn wir mit kleinen Handlungen manchmal Kleinigkeiten bewegen können, lastet dadurch doch der Druck auf dem Individuum. Es gibt Menschen, die brauchen Strohhalme! Es ist nicht ihre Schuld, dass die billigsten Strohhalme aus Plastik sind und die von Restaurantbesitzenden gekauft werden. Niemand verdient es, dafür beschämt zu werden, eine einfache Lösung zu wählen. Ist ja schön, wenn ich mir als Mensch mit Zeit und Geld aussuchen kann, keinen Müll zu machen – aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein in Anbetracht der Möglichkeiten, die es zur Müllvermeidung gäbe!

Angebot und Nachfrage

Die Zeit ist reif für tiefgreifende Änderungen. Für mutige Schritte. Manche probiere sie im Kleinen aus, testen, ob das klappt mit diesem Leben ohne Müll, mit weniger Konsum. Die Erkenntnis wächst, dass es geht. Und dass es gehen muss.

Ein Vierteljahr lang nichts* gekauft: Was habe ich bisher aus meinem No-Buy-Jahr gelernt?

Ich habe volle 3 Monate Nixkaufen* geschafft! Woohoo! Party! Zeit für einen neuen Lippenstift! Nee Quatsch, natürlich nicht. Tatsächlich habe ich gerade erst 12 Lippenstifte rausgeschmissen – und habe damit jetzt noch 98:

110 Lippenstifte, auf dem Unterarm geswatcht.
Meine Sammlung von 110 Lippenstiften. Durchgestrichen sind die 12, die ich aus verschiedenen Gründen rausgeschmissen habe.

Und dieses Zitat fasst meine bisherige Erfahrung mit meinem No-Buy ziemlich treffend zusammen:

„After several months of not shopping I was finally able to see my shopping obsession for what it was, which was that I was trying to be more perfect by buying things that I thought would make my life more perfect.“

„Nach einigen Monaten des Nichts-Einkaufens konnte ich meine Shopping-Besessenheit als das sehen, was sie war: Dass ich versuchte, perfekter zu sein, indem ich Dinge kaufte, von denen ich dachte, sie würden mein Leben perfekter machen.“

Ich habe gelernt, dass ich Schönheit ebensowenig kaufen kann wie Inspiration, Kraft oder das Reinpassen in irgendeine Gesellschaft, in der ich mich unwohl fühle. Kein Gegenstand und schon gar kein Kauf kann mir etwas geben, wenn ich nicht eine Entsprechung in meinem Inneren finde. Und an sich benötigt die nicht mehr Dinge, sondern Achtsamkeit und nach innen gerichtete Aufmerksamkeit.

Was ich kaufen kann, ist nur Zeug.

Mehr Zeug, das ich auch irgendwo hintun muss. Mehr Zeug bedeutet für mich nicht mehr Zufriedenheit, sondern weniger. Das ist eine der Sachen, die ich gelernt habe, als ich meinen Kleiderschrank wirklich von Grund auf ausgemistet habe.

Ja, ich kann Sachen kaufen, die mir helfen können, hübsch auszusehen, die mir ein wenig Mut verleihen oder mich optisch besser irgendwo reinpassen lassen. Aber es ist nicht so, dass das meine eigene Anstrengung ersetzen könnte. Ich muss immer noch hart arbeiten. Und einfach mehr Zeug zu kaufen, obwohl ich schon genug Zeug habe, macht das nicht einfacher. Es vergrößert nur meine Auswahl, und die Menge an Dingen, die ich irgendwo in der Wohnung unterbringen muss.

Ich merke, wie ich weniger und weniger sinnlos nach etwas Tollem zum Einkaufen suche. Klar, ich bin nicht perfekt. Und klar, ich muss immer noch Sachen kaufen, Essen zum Beispiel, und demnächst sind dann vielleicht auch mal all meine Mascaras leer, oder meine Deos. Shampoos habe ich immer noch, unfassbar. Mindestens noch eine ganze volle Flasche zusammengenommen.

Wie geht’s jetzt weiter mit dem No-Buy?

Es heißt weiter: Durchhalten. Beobachten, was passiert. Schauen, wo ich noch Schwierigkeiten habe. So ganz nebenbei versuche ich auch, weniger Verpackungsmüll zu erzeugen. Von Zero-Waste bin ich traurigerweise noch weit entfernt, und da ich auf dem Kaff lebe und nicht in der Stadt, ist es für mich leider oft zu aufwändig, bestimmte Produkte unverpackt zu bekommen. Aber ich will mehr darauf achten und mich mehr anstrengen. Ein Supermarkt in der Nähe hat gerade bei vielen Gemüsen auf unverpackt umgestellt oder auf ganz einfachen Pappkarton. Das ist extrem hilfreich, und ich hoffe, dass noch viele diesem Beispiel folgen werden!

*) Ich habe mich an meine No-Buy-Regeln gehalten, von einer bedauerlichen Ausnahme abgesehen. Insgesamt habe ich in diesem Vierteljahr gekauft:

  • Zwei Longsleeves (ich hatte vorher kaputte und ungeliebte aussortiert)
  • Stoffkisten zum Aufräumen von konmarie-tem Zeug (hatte ich nicht und waren schon länger nötig)
  • Eine Haarspülung (war leer)
  • Retinoid und Hyaluron von The Ordinary (war leer)
  • Drei Toner, weil meine beiden leer waren – da habe ich also einen Ausreißer gehabt 🙁
  • Salzspray für mein Haar, ein schlechtes, das nur schlimme Dinge machte, und danach ein gutes
  • Dazu Kunstsachen, vor allem Marker für meine aktuelle Markerphase, und eine Tasche, in der ich sie transportieren kann

Ich faile beim No-Buy: Wie ich es nicht schaffe, mich auf einen Nachkauf zu beschränken

Es stimmt. Ich probiere gerne neue Sachen aus. Ich habe schon darüber geschrieben, dass es zum Teil daran liegt, dass ich einfach Spaß daran habe, neue Dinge zu entdecken.

Aber eine andere Facette ist mir inzwischen auch klar geworden: Ich habe für einige „Probleme“ noch keine „Lösung“ gefunden, oder, noch schlimmer: Meine „Lösung“ gibt es nicht mehr.

Ich will doch nur testen!

Ein Beispiel: Salz-Spray fürs Haar. Ich habe seit ein paar Jahren einen Bob, und ich mag es, meine Haare wuschelig zu tragen. Gutes Salzspray ist dafür toll, es gibt Textur und macht die Haare ein bisschen strähnig, aber nicht zu sehr. Mein geliebtes Bamboo-Salzspray gibt es jetzt aber einfach nicht mehr. Also: Neues suchen. Und da es für solche haarsachen einfach keine Tester gibt, bin ich auf einen Glücksgriff angewiesen.

Ich war stark und habe nur ein neues Salzspray gekauft, nachdem das alte, gute leer war. Und: es ist einfach schlecht. Es macht die Haare strohig und trocken, aber dabei nicht griffig, sondern schlapp und schwer. Worst-of-Salzspray von der Eigenmarke von Rossmann. Also werde ich nachher ein neues suchen. Vielleicht habe ich ja dieses Mal Glück.

Und neulich sind mir meine Gesichtstoner ausgegangen. Nicht zuletzt, weil der Toner von meinem Mann mitbenutzt wurde – und jetzt gibt es den „Aloe Toner 98%“ von Holika Holika nur noch als Import. Orr. Und gute Toner ohne Mikroplastik, Alkohol und Gedöns gibt es eh nicht in der Drogerie soweit ich weiß – und dabei will ich doch Versandkosten und Verpackungsmüll sparen… Also habe ich drei (jaja) Toner bestellt, in der Hoffnung, dass einer von ihnen gut ist und ich nichts neu bestellen muss. (Und dass einer von ihnen in den Besitz meines Mannes übergehen wird.)

Und jetzt habe ich das umgekehrte Problem: Sie sind alle ziemlich gut! Ich werde sie also nacheinander aufbrauchen und muss mich genauer beobachten und eine Möglichkeit finden, wie ich sinnvoll Dinge nachkaufen kann, die ich nicht selbst testen kann.

Von Mode, dem Frühlingserwachen der Kauflust und Klimaschutz durch Verzicht

Ja, tatsächlich. Meine Datumsanzeige auf verschiedenen digitalen Endgeräten sagt, es ist März, und zwar schon fast eine Woche lang! Also haben sie sich enntweder gegen mich verschworen (immer möglich), oder der Februar ging einfach sagenhaft schnell vorbei.

Und ich glaube, ich bin immer noch in der Gewöhnungsphase meines No-Buy-Jahres. Aber langsam, langsam geht es besser. Ich schaue immer seltener in Schaufenser und überlege, was ich noch kaufen kann. Und ich surfe nur noch selten Onlineshops ab, um nach neuem Zeug zu schauen.

Aber jetzt kommt der Frühling.

Ich weiß schon jetzt, der Frühling wird eine Herausforderung. Nach monatelanger Existenz im dunkelblauen Winterjacken-Kokon mit vor allem funktionalen Schichten darunter dürste ich nach leichten Stoffen, leuchtenden Farben und gewagteren Schnitten. Mein Auge ist so depriviert wie meine Seele, und ich merke, wie ich immer mal wieder in Schaufenster lunse. Wenn ich schon nichts kaufe, will ich doch wenigstens wissen, was so angezogen wird im Frühling, von anderen Menschen. Von modebewussten Menschen. Um mich irgendwie daran zu orientieren.

Ist das nicht merkwürdig? Einerseits: Ich habe schon immer besonders viel Spaß am Verkleiden gehabt, wenn auch nicht an dieser verknöcherten Seltsamkeit, die sich „deutscher Karneval“ nennt. Andererseits: Was ist denn „modebewusst“ bitte für eine Eigenschaft, und wieso ist mir das eigentlich wichtig? Laut Wiktionary heißt „modebewusst“ „sehr auf die Mode achtend“. Laut Duden online heißt es „sich bewusst nach der Mode richtend“.

Was ist eigentlich Mode, und warum ist sie mir (bisher) wichtig?

Jetzt komme ich wohl nicht darum herum, aufzubohren, was Mode eigentlich ist. Ich fange mal mit der Definition der Wikipedia an:

Mode (aus dem Französischenmode; lat.modus ‚Maß‘ bzw. ‚Art‘, eigentlich ‚Gemessenes‘ bzw. ‚Erfasstes‘) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum geltende Regel, Dinge zu tun, zu tragen oder zu konsumieren, die sich mit den Ansprüchen der Menschen im Laufe der Zeit geändert haben. Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.

Wikipedia

Und weiter unten zum soziologischen Aspekt:

Elemente neuer Moden werden schneller übernommen von Gruppen, die offen sind für Neues, die gerne experimentieren, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, die etwas verändern wollen, […] und die sich als eigenständige Persönlichkeiten darstellen wollen, die sich also von ihrem Selbstverständnis gern von der Masse der Bevölkerung oder vom Establishment abgrenzen.

(Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Mode ist leider etwas krude geschrieben und enthält leicht abfällige Töne, die ich so auf der englischen Seite nicht gefunden habe. Ich vermute die übliche Verzerrung, die speziell in der deutschsprachigen Wikipedia-Community herrscht.)

Diese soziologisch-politische Bedeutung von Mode spielt bei mir durchaus eine wichtige Rolle. Nonkonformität nicht nur zu leben, sondern auch nach außen hin zu zeigen, ist mir wichtig. Interessant finde ich gerade die Beobachtung, dass ich das in der Vergangenheit oft dadurch gemacht habe, möglichst modische Stücke zu kaufen und mit als eine der Ersten zu tragen. Vermutlich sollte das ein Ausdruck verschiedener Facetten meiner Persönlichkeit und Einstellungen sein, im Verdacht stehen meine Offenheit für Erfahrung und meine gesellschaftliche Orientierung in Richtung Progressivität und Veränderung.

Alles neu macht der … März

Mindestens in diesem Jahr werde ich aber neue Ausdrucksformen dafür finden müssen. Dank Marie Kondo ist mein Kleiderschrank immerhin sehr aufgeräumt, so dass ich mich schnell orientieren kann und schnell die Klamotten finden kann, die ich gerade gerne anziehen will. Und ich freue mich schon sehr auf all die schönen Sachen, die ich schon habe und die den ganzen langen Winter im Kleiderschrank geschlafen haben. Endlich wieder leichtere Hosen! Endlich wieder Hemden statt Pullover, oder – ich wage kaum, daran zu denken – leichte Tops!

Und das alles wird mir nur etwas verdorben von der Tatsache, dass es im März eigentlich nicht so warm sein sollte. Dass der Februar viel zu warm war. Durchschnittlich 3,9 °C zu warm in Deutschland, das ist ehrlich gesagt beängstigend.

Mein einziger Trost ist, dass ich durch weniger undurchdachten Konsum auch weniger Müll mache: Für mich muss dieses Jahr kaum etwas produziert werden, was nicht Nahrung ist. Immerhin ein winziger Schritt in die richtige Richtung.

Belohne dich doch mal!

Letzte Woche ist nach langer Zeit ein wichtiges Projekt fertig geworden. Und nach einer anstrengenden, aber guten Woche ist auch heute ein guter Tag. Ich arbeite konzentriert und kann fast unmittelbar Erfolge sehen. Das ist toll!

Wäre da nicht plötzlich dieser aufkeimende Wunsch nach einer Belohnung. Etwas kaufen. Was schönes! Etwas, was ein gutes Gefühl macht. Was meine Augen satt macht und mir einen kleinen Kick gibt, wenn ich es in den Händen halte. Ein Halstuch, ein Lidschatten, Schuhe, Tasche, irgendwas, nur schnell her damit!

Es irritiert mich, dass mir der Kick offenbar nicht ausreicht, wenn ich etwas gut gemacht habe und das sogar ganz unmittelbar zu sehen ist. Dass ich trotzdem das Gefühl habe, eine Belohnung „verdient zu haben“.

Ich gieße mir erst Mal eine Tasse Tee ein, lehne mich zurück und höre Musik, die ein bisschen klingt wie in den 80ern, nur besser. Das ist meine Belohnung.

Die radikale Freiheit des Konsumverzichts

Ist Kapitalismuskritik wieder schick? Nein? Gut, dann können wir ja loslegen. Ich mache ja 2019 dieses No-Buy-Jahr. Ein Jahr lang nichts kaufen außer Essen, außer Dingen, die ich wirklich leer mache. Ein Jahr lang Verzicht.

Eine Werbeanzeige für tolle Klamotten.
„Verpass es nicht, unser Sale läuft nicht ewig! Bis zu 70% Rabatt auf ALLES!“
Auf alles, was ich nicht brauche. Das sind immer noch 30%, die ich bezahle. Und Verschwendung.

Aber ist es das wirklich, Verzicht? Es stimmt, ich kaufe nichts, wenn ein Impuls daherkommt. Nicht, wenn ich auf dem Handy scrolle, und auch nicht, wenn ich durch die Straßen gehe. Aber ist das denn zwangsläufig eine Einschränkung? Ist das ein Einschnitt in mein Leben, hindert mich das, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen?

Eine Werbeanzeige für schicke Brillen.
„Neu eingetroffen! Klassische Brillen sind immer stylish! Kauf 1, zahl nur 50% für den Rest!“
Neu, neu, neu. Und mehr.

Du willst es doch auch.

Vorweg: Ja, klar ist mein No-Buy ein Verzicht! Duh. Aber ich lerne gerade, dass das nichts Schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Ich lerne mich selbst kennen. Lerne, wann ich schwach bin, empfänglich für Verführungen und Versprechungen. Wenn ich müde bin. Wenn ich gestresst bin, meine Laune im Keller ist. Wenn ich denke: „Und wann komme ich?“ Wenn ich enttäuscht bin. Dann will mein Hirn sich seine Belohnung holen. Ohne Aufschub, schnellschnell, Knopf gedrückt, Dopamin da.

Und ich lerne Werbung besser kennen, die mein müdes Hirn genau kennt und mit seinen Ängsten und seinem Begehren spielt: Kauf jetzt, kauf schnell, kauf viel! Denk nicht nach, klick einfach! Einfach. Hier, kauf dir Schönheit, kauf dir Stil, kauf dir, kauf! Reduziert, reduziert, aber nur für kurze Zeit! Bald nicht mehr, und dann ärgerst du dich. Rabattcode, exklusiv! Nur jetzt. Jetzt.

Eine Werbung, auf der fett "Sale bis zu 50% Rabatt!" steht.
„Sale. Bis zu 50% Rabatt! Es ist Zeit!
Zeit für wen oder was

Nein sagen heißt mehr Freiheit.

Mein bewusstes Neinsagen zu den diversen bunten Auswüchsen des Kapitalismus nimmt mir nur auf einer Seite Möglichkeiten. Es ist jetzt viel schwerer, einen „quick fix“ zu kriegen, ich kann nicht mehr das Knöpfchen drücken und mich selbst ein bisschen mehr happy machen. Auf der anderen Seite gewinne ich neue Möglichkeiten hinzu. Ich gebe Geld nicht aus, das ich hinterher für andere Sachen einsetzen kann – oder auch nicht.

Ich sehe das gerade lebhaft an mir und an den Berichten der anderen Menschen, die mit mir dieses No-Buy-Jahr begonnen haben. Für manche ermöglicht ein No-Buy erst die ganz grundlegende Versorgung. Manche geben das Geld an anderen Stellen wieder aus, um an etwas Besonderem lange Freude zu haben, zum Beispiel an einzigartigen Erlebnissen, oder an einem Tattoo. Manche Menschen lernen, zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich Geld auf dem Konto zu lassen, auch, wenn es da vor einem Monat schon war. Und für einige Menschen bedeutet dieses Mehr an Geld ein Mehr an Sicherheit in der Zukunft.

Auf mich treffen gleich mehrere dieser Aussagen zu. Nie war ich mir meines Konsumverhaltens im Kapitalismus so bewusst, wie im Moment. Nie habe ich mich den grundlegenden Ideen des Kapitalismus‘ ferner gefühlt als im Moment. Wohin ich schaue, sehe ich Überfluss, Verschwendung. Unnützes Zeug, gerade gut genug für den Kick für den Augenblick. Befriedigung niedrigster Triebe.

Ja, mein No-Buy ist ein Verzicht. Aber mein No-Buy ist keine Einschränkung.

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