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Schlagwort: konsum

Marie Kondo, No-Buy, Zero Waste, Fridays for Future – dies ist eine Revolution!

Whoa whoa whoa! Halt, Stopp! Das sind aber viele Buzzwords in einem Titel! Ist das hier einer von diesen Clickbait-Artikeln? Nein. Ich verdiene nämlich gar nichts, wenn meine Artikel geklickt werden. („Whaaaaaaat!1!“) Nicht alles hat mit Kapitalismus zu tun.

Also zumindest nicht dieser Text, nicht so.

Jetzt, wo wir das aus dem Weg haben: Diese „Buzzwords“ sind gerade erstarkende Bewegungen, von denen manche politischer daherkommen als andere. Aber sie alle haben gemeinsam, dass sie etwas in unserer Gesellschaft sichtbar machen, das wir bisher vielleicht nicht so klar sehen konnten.

Arbeiten - Kaufen - Sterben auf einem Aufkleber
Foto von Daniel Schweighöfer.

Außerdem bin ich heute über den Artikel gestolpert Zehn Zwänge, die uns der Kapitalismus einbrockt. Neugierig klickte ich – und war von dem klitzekleinen Bogen, den der Artikel spannt, komplett unterrascht. Uh, ja, wir arbeiten für Geld, das war nicht immer so. Big Deal. Durchgeplante Arbeit führt zu durchgeplanter Freizeit. Gähn. Schnell wieder zugemacht und statt dessen angefangen, selbst zu schreiben.

Dabei berührt Kapitalismus uns viel tiefer. Er bestimmt unser Denken und Fühlen. Er verändert unsere Wahrnehmung. Er degradiert Menschen zu Verbrauchern, deren Sinn es ist, Waren zu fertigen, Dienstleistungen zu erbringen, zu konsumieren und dann zu sterben.

Marie Kondo, Göttin der Selbst-Genügsamkeit

Enter Marie Kondo. Sie schreibt uns nicht vor, was wir besitzen müssen. Sie sagt nicht, ob 10 Jeans zu viele, zu wenige oder gerade richtig viele sind. Sie sagt nur: Nimm dir die Zeit, dein Zeug in Ruhe anzusehen. Nimm dir die radikale Freiheit, ohne besondere Gründe Dinge auszusortieren. Nimm dir den Mut, alles kritisch anzuschauen und zu sehen, was dich davon glücklich macht.

Ein großer Berg Kleidung, aufgetürmt auf einem Bett.
KonMari, Stadium 1: Ein Berg Kleidung auf einem Bett aufgetürmt.

Die Erfahrung, die viele machen, die mit Hilfe von Konmari ausmisten: Es sind viel weniger Sachen als gedacht, die „Joy sparken“, also Freude auslösen. Viele Sachen sind Ballast, viele machen traurig, nageln eine*n in der Vergangenheit fest. Ich habe beim Ausmisten sehr stark gespürt, mit wie vielen negativen Gefühlen mein Zeug aufgeladen war. Ich hielt an Zeug, nein, an Müll fest, weil … ich irgendwann einmal Geld dafür ausgegeben hatte. Weil ich dachte, dass das „zu schade“ zum Ausmisten ist. Weil ich es ja noch mal brauchen könnte.

Aus Marie Kondo folgt: Es sind nicht die Dinge, die wirklich glücklich machen können. Die Dinge sind ein Mittel zum Zweck. Manche gewinnen wir lieb, füllen sie mit Bedeutung und guten Erinnerungen. Die sparken dann auch Joy, und wir halten lange an ihnen fest. Aber nicht, weil diese Dinge das von sich aus mitgebracht hätten. Sondern weil wir etwas mit ihnen gemacht haben.

No-Buy, die Rebellion der (Nicht-)Käufer*innen

In der Make-up-Community geht ein Gespenst um. Es heißt „No-Buy“, und es macht aus braven Konsument*innen der neuesten Lidschattenpalette, des krassesten Lippenstifts und dieser goldenen Gesichtsmasken Rebell*innen. Sie shoppen nicht im Laden, sondern in ihrem Stash, sie *shock* benutzen ihr Schminkzeug, statt sich neues zu kaufen. Sie rotten sich zusammen und ermuntern sich zum Nichteinkaufen, sie schauen sich das neue Zeug an und finden es nicht gut genug.

Das No-Buy ist für mich ein logischer Schritt nach dem Konmari-Ausmisten, auch wenn ich selbst erst mit dem No-Buy angefangen und dann ausgemistet habe. Aber nach der Feststellung, wie viel Zeug wir eigentlich alle besitzen, und wie wenig glücklich es macht, kommt die Erkenntnis, dass das impulsive Mehr-Kaufen von mehr Zeug nicht dazu führen wird, dass wir glücklicher sind, unsere Ziele eher erreichen oder uns langfristig besser fühlen.

Wenn das Zeug, das ich früher gekauft habe, mich jetzt nicht glücklicher gemacht hat – wird dann das Zeug, das ich jetzt kaufe, mich in Zukunft glücklicher machen?

Ich arbeite hart daran, nicht ein einziges Stück Müll bei mir einziehen zu lassen. Durch mein No-Buy habe ich mir eine Art Entgiftung verschrieben, die mich aus meinen Konsumgewohnheiten reißen soll. Und was soll ich sagen, es wirkt!

Auf dem Foto sind zwei Rouges zu sehen und zwei Puder fürs Gesicht. Bei den beiden Pudern schimmert in der Mitte der Boden des Behälters durch.
Rouge und Puder zu Beginn meines „Project Pan“.

Mit Misstrauen betrachte ich die Menschen, die durch Fußgängerzogen schlendern, eigentlich nur spazieren gehen, aber nicht durch Wald oder Feld, sondern durch den Konsum streifen. Mit Ekel schaue ich auf unter furchtbaren Umständen produzierte Waren, die in Läden hängen, die mit „25 % unserer Mode ist nachhaltig produziert!“ werben, ohne ausführen zu müssen, was das eigentlich sein soll, dieses „nachhaltig“. Mit Widerwillen schaue ich auf meine viel zu große Makeupsammlung, die ich zwar schon etwas ausgedünnt habe, aber die noch mehr Zeit brauchen wird, bis sie auf ein sinnvolles Maß geschrumpft ist. Mit Verachtung höre ich immer noch zu viele Politiker*innen, die Konsum, Arbeit und Würde miteinander koppeln. Als gäbe es keine Alternative. Als würde alles besser werden, wenn wir uns nur ganz, ganz dolle anstrengen und schnell viel konsumieren! Kauft, Leute, kauft!

Am besten gute deutsche Autos. Mmmmh, lecker Autos!

Our culture of work strains to cover its flaws by claiming to be unavoidable and natural.

Post-work: the radical idea of a world without jobs

Zero Waste: Wenn schon Konsum, warum dann nicht anders?

Und überhaupt, wenn wir etwas kaufen, wie kaufen wir es dann? Wieso sind meine Gurken eigentlich verpackt? Das muss auch anders gehen! Zero Waste ist das neue Bio. Denn Verpackungsmüll, damit das unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierte Gemüse von relativ weit weg möglichst keimfrei aussehend für möglichst lange Zeit in unseren riesigen Einkaufstempeln dümpeln kann, ist einfach mal kacke. Das kann man so hinnehmen – oder auch nicht! Wo einige schon darauf achten, fair produzierte Lebensmittel zu kaufen, steht bei Zero Waste die Müllvermeidung im Vordergrund. Ich bin jetzt nicht sicher, ob sich die Zero-Waste-Herangehensweise nur auf die Verpackung beim Kauf beschränkt, ich nehme es aber an, da es ziemlich schwierig ist, die komplette Produktionskette seriös zu durchleuchten.

Aber wäre ein Siegel dafür, Waren plastikfrei herzustellen, nicht eine erstrebenswerte Sache?

Fridays for Future, die Zukunft ist jetzt

Die Zeit wird knapp. Viel zu lange haben wir auf zu großem Fuß gelebt. Wir haben uns die Gegenwart von der Zukunft geliehen, und jetzt holt uns die Zukunft ein. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Es geht einfach nicht, Punkt. Nicht, wenn wir eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten haben wollen.

Das hat die Bewegung Fridays for Future erkannt. Sie haben so Recht. Nein, wir können in Zukunft nicht mehr fix nach Paris fliegen, dann zum Entspannen schön auf die Kanaren, und im Winter der Sonne hinterher nach Thailand. Wir können nicht, wenn wir die Welt nicht in katastrophalem Zustand hinterlassen wollen. Und zumindest ich bin nicht bereit, das billigend in Kauf zu nehmen.

Und vollkommen zu Recht fordert die Bewegung die Politik auf, gegenzusteuern. Denn auch wenn wir mit kleinen Handlungen manchmal Kleinigkeiten bewegen können, lastet dadurch doch der Druck auf dem Individuum. Es gibt Menschen, die brauchen Strohhalme! Es ist nicht ihre Schuld, dass die billigsten Strohhalme aus Plastik sind und die von Restaurantbesitzenden gekauft werden. Niemand verdient es, dafür beschämt zu werden, eine einfache Lösung zu wählen. Ist ja schön, wenn ich mir als Mensch mit Zeit und Geld aussuchen kann, keinen Müll zu machen – aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein in Anbetracht der Möglichkeiten, die es zur Müllvermeidung gäbe!

Angebot und Nachfrage

Die Zeit ist reif für tiefgreifende Änderungen. Für mutige Schritte. Manche probiere sie im Kleinen aus, testen, ob das klappt mit diesem Leben ohne Müll, mit weniger Konsum. Die Erkenntnis wächst, dass es geht. Und dass es gehen muss.

Ein Vierteljahr lang nichts* gekauft: Was habe ich bisher aus meinem No-Buy-Jahr gelernt?

Ich habe volle 3 Monate Nixkaufen* geschafft! Woohoo! Party! Zeit für einen neuen Lippenstift! Nee Quatsch, natürlich nicht. Tatsächlich habe ich gerade erst 12 Lippenstifte rausgeschmissen – und habe damit jetzt noch 98:

110 Lippenstifte, auf dem Unterarm geswatcht.
Meine Sammlung von 110 Lippenstiften. Durchgestrichen sind die 12, die ich aus verschiedenen Gründen rausgeschmissen habe.

Und dieses Zitat fasst meine bisherige Erfahrung mit meinem No-Buy ziemlich treffend zusammen:

„After several months of not shopping I was finally able to see my shopping obsession for what it was, which was that I was trying to be more perfect by buying things that I thought would make my life more perfect.“

„Nach einigen Monaten des Nichts-Einkaufens konnte ich meine Shopping-Besessenheit als das sehen, was sie war: Dass ich versuchte, perfekter zu sein, indem ich Dinge kaufte, von denen ich dachte, sie würden mein Leben perfekter machen.“

Ich habe gelernt, dass ich Schönheit ebensowenig kaufen kann wie Inspiration, Kraft oder das Reinpassen in irgendeine Gesellschaft, in der ich mich unwohl fühle. Kein Gegenstand und schon gar kein Kauf kann mir etwas geben, wenn ich nicht eine Entsprechung in meinem Inneren finde. Und an sich benötigt die nicht mehr Dinge, sondern Achtsamkeit und nach innen gerichtete Aufmerksamkeit.

Was ich kaufen kann, ist nur Zeug.

Mehr Zeug, das ich auch irgendwo hintun muss. Mehr Zeug bedeutet für mich nicht mehr Zufriedenheit, sondern weniger. Das ist eine der Sachen, die ich gelernt habe, als ich meinen Kleiderschrank wirklich von Grund auf ausgemistet habe.

Ja, ich kann Sachen kaufen, die mir helfen können, hübsch auszusehen, die mir ein wenig Mut verleihen oder mich optisch besser irgendwo reinpassen lassen. Aber es ist nicht so, dass das meine eigene Anstrengung ersetzen könnte. Ich muss immer noch hart arbeiten. Und einfach mehr Zeug zu kaufen, obwohl ich schon genug Zeug habe, macht das nicht einfacher. Es vergrößert nur meine Auswahl, und die Menge an Dingen, die ich irgendwo in der Wohnung unterbringen muss.

Ich merke, wie ich weniger und weniger sinnlos nach etwas Tollem zum Einkaufen suche. Klar, ich bin nicht perfekt. Und klar, ich muss immer noch Sachen kaufen, Essen zum Beispiel, und demnächst sind dann vielleicht auch mal all meine Mascaras leer, oder meine Deos. Shampoos habe ich immer noch, unfassbar. Mindestens noch eine ganze volle Flasche zusammengenommen.

Wie geht’s jetzt weiter mit dem No-Buy?

Es heißt weiter: Durchhalten. Beobachten, was passiert. Schauen, wo ich noch Schwierigkeiten habe. So ganz nebenbei versuche ich auch, weniger Verpackungsmüll zu erzeugen. Von Zero-Waste bin ich traurigerweise noch weit entfernt, und da ich auf dem Kaff lebe und nicht in der Stadt, ist es für mich leider oft zu aufwändig, bestimmte Produkte unverpackt zu bekommen. Aber ich will mehr darauf achten und mich mehr anstrengen. Ein Supermarkt in der Nähe hat gerade bei vielen Gemüsen auf unverpackt umgestellt oder auf ganz einfachen Pappkarton. Das ist extrem hilfreich, und ich hoffe, dass noch viele diesem Beispiel folgen werden!

*) Ich habe mich an meine No-Buy-Regeln gehalten, von einer bedauerlichen Ausnahme abgesehen. Insgesamt habe ich in diesem Vierteljahr gekauft:

  • Zwei Longsleeves (ich hatte vorher kaputte und ungeliebte aussortiert)
  • Stoffkisten zum Aufräumen von konmarie-tem Zeug (hatte ich nicht und waren schon länger nötig)
  • Eine Haarspülung (war leer)
  • Retinoid und Hyaluron von The Ordinary (war leer)
  • Drei Toner, weil meine beiden leer waren – da habe ich also einen Ausreißer gehabt 🙁
  • Salzspray für mein Haar, ein schlechtes, das nur schlimme Dinge machte, und danach ein gutes
  • Dazu Kunstsachen, vor allem Marker für meine aktuelle Markerphase, und eine Tasche, in der ich sie transportieren kann

Von Mode, dem Frühlingserwachen der Kauflust und Klimaschutz durch Verzicht

Ja, tatsächlich. Meine Datumsanzeige auf verschiedenen digitalen Endgeräten sagt, es ist März, und zwar schon fast eine Woche lang! Also haben sie sich enntweder gegen mich verschworen (immer möglich), oder der Februar ging einfach sagenhaft schnell vorbei.

Und ich glaube, ich bin immer noch in der Gewöhnungsphase meines No-Buy-Jahres. Aber langsam, langsam geht es besser. Ich schaue immer seltener in Schaufenser und überlege, was ich noch kaufen kann. Und ich surfe nur noch selten Onlineshops ab, um nach neuem Zeug zu schauen.

Aber jetzt kommt der Frühling.

Ich weiß schon jetzt, der Frühling wird eine Herausforderung. Nach monatelanger Existenz im dunkelblauen Winterjacken-Kokon mit vor allem funktionalen Schichten darunter dürste ich nach leichten Stoffen, leuchtenden Farben und gewagteren Schnitten. Mein Auge ist so depriviert wie meine Seele, und ich merke, wie ich immer mal wieder in Schaufenster lunse. Wenn ich schon nichts kaufe, will ich doch wenigstens wissen, was so angezogen wird im Frühling, von anderen Menschen. Von modebewussten Menschen. Um mich irgendwie daran zu orientieren.

Ist das nicht merkwürdig? Einerseits: Ich habe schon immer besonders viel Spaß am Verkleiden gehabt, wenn auch nicht an dieser verknöcherten Seltsamkeit, die sich „deutscher Karneval“ nennt. Andererseits: Was ist denn „modebewusst“ bitte für eine Eigenschaft, und wieso ist mir das eigentlich wichtig? Laut Wiktionary heißt „modebewusst“ „sehr auf die Mode achtend“. Laut Duden online heißt es „sich bewusst nach der Mode richtend“.

Was ist eigentlich Mode, und warum ist sie mir (bisher) wichtig?

Jetzt komme ich wohl nicht darum herum, aufzubohren, was Mode eigentlich ist. Ich fange mal mit der Definition der Wikipedia an:

Mode (aus dem Französischenmode; lat.modus ‚Maß‘ bzw. ‚Art‘, eigentlich ‚Gemessenes‘ bzw. ‚Erfasstes‘) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum geltende Regel, Dinge zu tun, zu tragen oder zu konsumieren, die sich mit den Ansprüchen der Menschen im Laufe der Zeit geändert haben. Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.

Wikipedia

Und weiter unten zum soziologischen Aspekt:

Elemente neuer Moden werden schneller übernommen von Gruppen, die offen sind für Neues, die gerne experimentieren, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, die etwas verändern wollen, […] und die sich als eigenständige Persönlichkeiten darstellen wollen, die sich also von ihrem Selbstverständnis gern von der Masse der Bevölkerung oder vom Establishment abgrenzen.

(Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Mode ist leider etwas krude geschrieben und enthält leicht abfällige Töne, die ich so auf der englischen Seite nicht gefunden habe. Ich vermute die übliche Verzerrung, die speziell in der deutschsprachigen Wikipedia-Community herrscht.)

Diese soziologisch-politische Bedeutung von Mode spielt bei mir durchaus eine wichtige Rolle. Nonkonformität nicht nur zu leben, sondern auch nach außen hin zu zeigen, ist mir wichtig. Interessant finde ich gerade die Beobachtung, dass ich das in der Vergangenheit oft dadurch gemacht habe, möglichst modische Stücke zu kaufen und mit als eine der Ersten zu tragen. Vermutlich sollte das ein Ausdruck verschiedener Facetten meiner Persönlichkeit und Einstellungen sein, im Verdacht stehen meine Offenheit für Erfahrung und meine gesellschaftliche Orientierung in Richtung Progressivität und Veränderung.

Alles neu macht der … März

Mindestens in diesem Jahr werde ich aber neue Ausdrucksformen dafür finden müssen. Dank Marie Kondo ist mein Kleiderschrank immerhin sehr aufgeräumt, so dass ich mich schnell orientieren kann und schnell die Klamotten finden kann, die ich gerade gerne anziehen will. Und ich freue mich schon sehr auf all die schönen Sachen, die ich schon habe und die den ganzen langen Winter im Kleiderschrank geschlafen haben. Endlich wieder leichtere Hosen! Endlich wieder Hemden statt Pullover, oder – ich wage kaum, daran zu denken – leichte Tops!

Und das alles wird mir nur etwas verdorben von der Tatsache, dass es im März eigentlich nicht so warm sein sollte. Dass der Februar viel zu warm war. Durchschnittlich 3,9 °C zu warm in Deutschland, das ist ehrlich gesagt beängstigend.

Mein einziger Trost ist, dass ich durch weniger undurchdachten Konsum auch weniger Müll mache: Für mich muss dieses Jahr kaum etwas produziert werden, was nicht Nahrung ist. Immerhin ein winziger Schritt in die richtige Richtung.

Belohne dich doch mal!

Letzte Woche ist nach langer Zeit ein wichtiges Projekt fertig geworden. Und nach einer anstrengenden, aber guten Woche ist auch heute ein guter Tag. Ich arbeite konzentriert und kann fast unmittelbar Erfolge sehen. Das ist toll!

Wäre da nicht plötzlich dieser aufkeimende Wunsch nach einer Belohnung. Etwas kaufen. Was schönes! Etwas, was ein gutes Gefühl macht. Was meine Augen satt macht und mir einen kleinen Kick gibt, wenn ich es in den Händen halte. Ein Halstuch, ein Lidschatten, Schuhe, Tasche, irgendwas, nur schnell her damit!

Es irritiert mich, dass mir der Kick offenbar nicht ausreicht, wenn ich etwas gut gemacht habe und das sogar ganz unmittelbar zu sehen ist. Dass ich trotzdem das Gefühl habe, eine Belohnung „verdient zu haben“.

Ich gieße mir erst Mal eine Tasse Tee ein, lehne mich zurück und höre Musik, die ein bisschen klingt wie in den 80ern, nur besser. Das ist meine Belohnung.

Die radikale Freiheit des Konsumverzichts

Ist Kapitalismuskritik wieder schick? Nein? Gut, dann können wir ja loslegen. Ich mache ja 2019 dieses No-Buy-Jahr. Ein Jahr lang nichts kaufen außer Essen, außer Dingen, die ich wirklich leer mache. Ein Jahr lang Verzicht.

Eine Werbeanzeige für tolle Klamotten.
„Verpass es nicht, unser Sale läuft nicht ewig! Bis zu 70% Rabatt auf ALLES!“
Auf alles, was ich nicht brauche. Das sind immer noch 30%, die ich bezahle. Und Verschwendung.

Aber ist es das wirklich, Verzicht? Es stimmt, ich kaufe nichts, wenn ein Impuls daherkommt. Nicht, wenn ich auf dem Handy scrolle, und auch nicht, wenn ich durch die Straßen gehe. Aber ist das denn zwangsläufig eine Einschränkung? Ist das ein Einschnitt in mein Leben, hindert mich das, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen?

Eine Werbeanzeige für schicke Brillen.
„Neu eingetroffen! Klassische Brillen sind immer stylish! Kauf 1, zahl nur 50% für den Rest!“
Neu, neu, neu. Und mehr.

Du willst es doch auch.

Vorweg: Ja, klar ist mein No-Buy ein Verzicht! Duh. Aber ich lerne gerade, dass das nichts Schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Ich lerne mich selbst kennen. Lerne, wann ich schwach bin, empfänglich für Verführungen und Versprechungen. Wenn ich müde bin. Wenn ich gestresst bin, meine Laune im Keller ist. Wenn ich denke: „Und wann komme ich?“ Wenn ich enttäuscht bin. Dann will mein Hirn sich seine Belohnung holen. Ohne Aufschub, schnellschnell, Knopf gedrückt, Dopamin da.

Und ich lerne Werbung besser kennen, die mein müdes Hirn genau kennt und mit seinen Ängsten und seinem Begehren spielt: Kauf jetzt, kauf schnell, kauf viel! Denk nicht nach, klick einfach! Einfach. Hier, kauf dir Schönheit, kauf dir Stil, kauf dir, kauf! Reduziert, reduziert, aber nur für kurze Zeit! Bald nicht mehr, und dann ärgerst du dich. Rabattcode, exklusiv! Nur jetzt. Jetzt.

Eine Werbung, auf der fett "Sale bis zu 50% Rabatt!" steht.
„Sale. Bis zu 50% Rabatt! Es ist Zeit!
Zeit für wen oder was

Nein sagen heißt mehr Freiheit.

Mein bewusstes Neinsagen zu den diversen bunten Auswüchsen des Kapitalismus nimmt mir nur auf einer Seite Möglichkeiten. Es ist jetzt viel schwerer, einen „quick fix“ zu kriegen, ich kann nicht mehr das Knöpfchen drücken und mich selbst ein bisschen mehr happy machen. Auf der anderen Seite gewinne ich neue Möglichkeiten hinzu. Ich gebe Geld nicht aus, das ich hinterher für andere Sachen einsetzen kann – oder auch nicht.

Ich sehe das gerade lebhaft an mir und an den Berichten der anderen Menschen, die mit mir dieses No-Buy-Jahr begonnen haben. Für manche ermöglicht ein No-Buy erst die ganz grundlegende Versorgung. Manche geben das Geld an anderen Stellen wieder aus, um an etwas Besonderem lange Freude zu haben, zum Beispiel an einzigartigen Erlebnissen, oder an einem Tattoo. Manche Menschen lernen, zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich Geld auf dem Konto zu lassen, auch, wenn es da vor einem Monat schon war. Und für einige Menschen bedeutet dieses Mehr an Geld ein Mehr an Sicherheit in der Zukunft.

Auf mich treffen gleich mehrere dieser Aussagen zu. Nie war ich mir meines Konsumverhaltens im Kapitalismus so bewusst, wie im Moment. Nie habe ich mich den grundlegenden Ideen des Kapitalismus‘ ferner gefühlt als im Moment. Wohin ich schaue, sehe ich Überfluss, Verschwendung. Unnützes Zeug, gerade gut genug für den Kick für den Augenblick. Befriedigung niedrigster Triebe.

Ja, mein No-Buy ist ein Verzicht. Aber mein No-Buy ist keine Einschränkung.

Von allem weniger, vom Guten mehr: KonMari für Menschen mit Armutserfahrungen

Loslassen ist für einige Menschen leichter als für andere. Besonders Menschen, die schon einmal in Armut gelebt haben, können Schwierigkeiten damit haben, Dinge loszulassen. Für uns, die erfahren haben, wie das Geld zwischen den Fingern zerrinnt, sind Gegenstände manchmal das Einzige, was wirklich echten Wert hat.

Weil ich Gegenstände anfassen kann. Weil sie einen direkten, unmittelbaren Nutzen haben. Weil auf den billigen Klamotten keine Kuckuck-Aufkleber haften.

Zeug, Zeug, so viel Zeug

Dinge auszumisten, sie loszulassen, das kann gerade für Menschen, die einmal arm waren, eine Herausforderung sein. Für mich war es zumindest so.

Ich hatte seit meinen Jahren in Armut einige Jahre in relativem Wohlstand gelebt und mich eigentlich daran gewöhnt. Ich konnte Geld ausgeben für Dinge, die ich nicht unmittelbar brauchte, und ich konnte sogar ein bisschen sparen. Das ist nicht selbstverständlich. Aber es fiel mir schwer, altes Zeug loszulassen. Konnte ich das alte ausgeleierte Longsleeve nicht doch noch irgendwie benutzen, obwohl die Elasthanfasern allesamt gerissen waren und wie ein feiner grauer Pelz aus dem Baumwollgewebe lugten? War ich denn wirklich sicher, dass ich die Hose von 2003 nicht mehr tragen wollen würde, also gerade sollen Hüfthosen doch wiederkommen! Also hielt ich mich an meinem Zeug weiter fest wie eine Ertrinkende an Treibgut.

Im Laufe der Jahre habe ich auf diese Weise viel Kleidung angesammelt. Mein Leben veränderte sich nach dem Studium, ich brauchte schickere Kleidung für meinen schickeren Job. Dann änderte sich mein Leben wieder, und ich brauchte wieder legere Kleidung für meinen legeren Job. Ich wurde schwanger, kriegte ein Kind, neues Leben, neue Kleidung. Dazu kommt, dass ich irgendwo zwischen maskulinem* und femininem* Stil hin- und hermäandere, und ich mich so kleiden können will, dass ich mich wohl fühle, egal, wie ich mich gerade fühle. Und ich gab mir zwar Mühe, ab und zu auszusortieren, aber es wollte nicht wirklich funktionieren

Sich (nichts) gönnen können

KonMari, die Methode von Marie Kondo, Gegenstände anzusehen, in den Händen zu halten, in sich hineinzuhorchen, zu bewerten – und schließlich auszusortieren und neu zu organisieren, versprach einen anderen Ansatz. Ich musste nicht auf 100 Dinge aussortieren, musste keinen starren Regeln irgendeines Minimalismus-Gurus folgen. Ich konnte in mich hineinhören und schauen, welche Kleidung mich „mit Freude erfüllt“.

Ein großer Berg Kleidung, aufgetürmt auf einem Bett.
KonMari, Stadium 1: Ein Berg Kleidung auf einem Bett aufgetürmt.

Und es hatten sich viel Kleidung angesammelt (und viele andere Dinge, aber so weit bin ich noch nicht)! Und wie das manchmal ist, zwischen den 30 mittelmäßigen Oberteilen, die auch irgendwie noch passen und irgendwie okayish aussehen gingen die 20, die ich liebte, komplett unter. Die Kleidungsstücke, die mir die meiste Freude bereiteten, waren schwer zu finden, und wenn ich sie doch fand, wollte ich sie lieber „schonen“ – und zog dann doch wieder die mittelguten Sachen an, die auch noch irgendwie gingen.

Der Klamottenberg auf dem Bett verfehlte das Schockmoment nicht.

Ich hielt also meine ranzigen Oberteile, die Jeans, die schon immer schlecht gesessen hatten, die Fehlkäufe, all die Sachen, die ich all die Jahre mit mir herumgeschleppt hatte, die unzählige Umzugskartons von innen gesehen hatte, in den Händen und wartete darauf, dass sie in mir etwas berühren. Und das taten sie.

Mehrere Tütel und eine Klappkiste voller Kleidung: Meine aussortierten Kleidungsstücke.
KonMari, Stadium 2: Die aussortierten Klamotten.

Sie machten mich traurig. Ich schämte mich für sie. Ich fühlte mich angewidert, beschämt, befremdet, irritiert. Ich glaube, es ist wichtig, nicht nur auf dieses ominöse „sparking joy“ zu achten, sondern auch auf diese negativen Gefühle. Also legte ich die Kleidung, die in mir schlechte Gefühle auslöste, zusammen, bedankte mich und sagte tschüss.

Dieser letzte Schritt, das „Danke“ sagen, das war der Unterschied. Dieses Detail war es, was mir die Trennung von meinem überflüssigen Zeug möglich machte. Für mich war das, als würde ich einem Teil meiner armen Vergangenheit „danke“ und „tschüss“ sagen. Sie endlich akzeptieren – und loslassen. Endlich loslassen.

Und dazwischen: Ich

Mehrere Stapel ordentlich gefaltete Kleidung von oben fotografiert.
KonMari, Stadium 3: Kleine Stapel mit sortierten Kleidungsstücken, die ich behalten will.

Und mitten in diesem Berg aus schlechten Gefühlen, halb Knauserigkeit und halb Kaufrausch, waren die Stücke, die ich liebte. Wunderschöne Sachen, die ich gerne trage, die ich vor Jahren schon gerne getragen hatte, die aber bisher immer in dem Wust aus Zeug untergegangen waren. Und natürlich gab es auch Kleidungsstücke, bei denen ich mir unsicher war. Die mich ein bisschen happy machten, und auch ein bisschen traurig. Mit manchen verbinde ich schlechte Erinnerungen, mit anderen einfach – nichts. Ich habe versucht, so gut zu entscheiden, wie es ging, und für ein paar Kleidungsstücke heißt das, dass ich sie verändern werde, bemalen oder umnähen.

Ich muss sagen, dass das Gefühl, meine übrig gebliebenen Sachen zusammenzufalten und aufrecht gepackt in langen Kisten zu verstauen, sehr gut war. Ich glaube, ich habe mich noch nie so gut gefühlt, was meine Kleidung anging. Ich mache den Kleiderschrank auf, und da ist kein Kleidungsstück mehr, das mir ein schlechtes Gefühl macht. Das ich erst aus dem Schrank ziehe, um es dann wieder hineinzustopfen, weil es zu kaputt zum anziehen ist. Kein Stück, das ich nur gekauft habe, weil es heruntergesetzt war und ich dringend was brauchte und es danach nicht mehr loswurde.

Eine Kiste mit fein säuberlich gefalteten, aufrecht stehenden T-Shirts
KonMari, Stadium 4: Hochkant gefaltete T-Shirts in einer Kiste.

Ich habe den Eindruck, ich verstehe, wieso Marie Kondo sagt, die Methode würde das Leben verändern. Die Auseinandersetzung mit unseren stofflichen Dingen ist zu einem gewissen Teil auch immer eine Bestandsaufnahme der eigenen Person und der eigenen Geschichte. Das ist für einige bestimmt einfacher als für andere, keine Frage. Profitieren können wir aber alle von der bewussten Auseinandersetzung mit der persönlichen materiellen Kultur.

Ich habe mich nach dem Aussortieren mehrere Tage lang sehr dünnhäutig gefühlt. Erst zwei Wochen später konnte ich die Aufbewahrungsboxen kaufen (ja, trotz No-Buy-Jahr, sue me). Aber jetzt bin ich sehr, sehr happy: Ich habe viel weniger. Weniger Mist, den ich aus falschem Pflichtgefühl mit mir herumschleppe. Weniger Zeug, das ich statt meiner „guten“ Sachen anziehe. Weniger Altlasten. Und so viel mehr Platz.

Ein Kleiderschrank mit einigen Kistchen, in denen aufrecht Kleidungsstücke stehen. Er sieht aufgeräumt aus.
KonMari, Starium 5: Ein Kleiderschrank, viel leerer als vorher.

Zum Schluss noch ein paar Leseempfehlungen: Distel hat vor zwei Wochen schon über ihre KonMari-Erfahrungen geschrieben, auch im Zusammenhang mit ihrem No-Buy-Jahr. Und auch The Rosenblatts haben einen Artikel zum Thema KonMari und Armut geschrieben, den ich nur sehr ans Herz legen kann!

*) Ich betrachte Geschlecht als soziales Konstrukt und „maskulin“ und „feminin“ als stereotype Ausprägungen einer angenommenen Binarität. Dazwischen gibt es aber noch viel mehr, und darüber hinaus auch, und nur, weil jemand von der Mehrheit der Menschen der westlichen Welt auf irgendeine Weise wahrgenommen wird, macht das die Person nicht automatisch dazu. Nur, weil jemand feminin gekleidet ist, muss das nicht bedeuten, dass die Person an sich feminin ist oder eine Frau ist oder feminine Stereotype bedient.

Etwas Neues: Was ich eigentlich suche, und was ich mir statt dessen kaufe

Mein No-Buy läuft jetzt etwas über eine Woche. Und ich erwische mich immer noch dabei, dass ich die Webseiten besuche, auf denen ich früher gerne eingekauft habe, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt. Dass ich durch Läden gehe und gucke, was es Neues gibt. Was ich noch nicht ausprobiert habe. Ich will trotz meines No-Buy-Jahres auf dem Laufenden bleiben.

Was genau heißt das eigentlich? Was heißt das, bin ich etwa besonders anfällig bin für dieses Neue, nach dem ich immer suche? Was davon ist eigentlich Ausdruck meiner Persönlichkeit, und was davon habe ich durch geschickte Verstärkung gelernt?

Und wer oder was hat mein (Kauf-)Verhalten verstärkt?

Was ist das „Neue“, dem ich hinterherjage?

Ich bin eine derjenigen, bei denen der Offenheit für Erfahrungen wegen des Deckeneffekts nicht mehr valide gemessen werden kann, sprich: Ich bin extrem neugierig, wissbegierig, Neuem gegenüber äußerst positiv eingestellt, suche stets Abwechslung und fokussiere stark auf neuen Input. Das ist nicht besser oder schlechter als das nicht so zu empfinden, das bin einfach ich.

Diese Offenheit für Erfahrungen macht mich aber, das verstehe ich inzwischen, zu einem gefundenen Fressen für die Stimmen, die mir raten, diesen Impulsen ständig nachzugeben. Also eigentlich alle Stimmen, die irgendwas mit Werbung zu tun haben. Neuer Lippenstift? Pssst! Gleich ausprobieren! Neuer Modetrend? Hui, wenigstens mal im Laden gucken, oder doch gleich kaufen? Was neues abgefahrenes zu Essen? Muss ich sofort probieren, wo kriege ich das jetzt schnell her?

Dabei vermischen sich bei mir zwei Dinge: Meine Freude daran, Neues zu erleben auf der einen Seite. Dieses Neue kann nämlich eigentlich alles sein: Neue Sinneseindrücke. Neue Menschen. Neue Erfahrungen. Neues Wissen. Ja, und auch neue Dinge. Und die wilden Versprechungen der Werbung, dass ein einfach verfügbares, käufliches neues Produkt der Schlüssel zu einem neuen Erlebnis ist auf der anderen Seite: Es ist besser! Es ist schöner! Es ist so unvorstellbar anders und einzigartig! Nie dagewesen! Neuneuneu! Der Lippenstift hat eine Farbe, die du noch nie gesehen hast! Der Modetrend ist nie zuvor dagewesen! Und das neue Essen (ist zwar einfach von anderen Kulturen geklaut und künstilich westlich aufgehyped, aber) bringt dir ungeahnten Genuss.

Der auf diese Weise aufgeladene und aufgebauschte Wunsch nach kaufbaren neuen Erfahrungen führte bei mir dazu, dass ich mich im Konsum verlor. Dass ich mehr kaufte, um mehr zu erleben. Die Folgen sehe ich jeden Tag: Ich habe im Moment noch fünf angebrochene Deos herumstehen. Vier Shampoos habe ich in der Wohnung zusammengesucht (dabei habe ich schon eines verbraucht). Ich fange gar nicht mit meinen Haarstylingprodukten an. Oder mit meinen Lippenstiften.

Konsumieren um zu existieren

Ist es mein Wunsch, mitreden zu können? Die Freude daran, Tipps geben zu können? Es ist sicherlich einfacher, etwas zu kaufen und so neue Erfahrungen zu erwerben, als sich die Mühe zu machen, etwas über neue Ideen und Konzepte zu lernen. Als ein neues Hobby zu lernen, und ich meine jetzt nicht einfach eine Materialschlacht zu vollführen, sondern eine Fähigkeit zu lernen. Vielleicht eine Sprache, ganz ohne viel Kaufzeug. Das ist viel, viel schwieriger.

Und das Versprechen nach Neuem wird bei diesen nicht-materiellen Erwerbungen auch nicht ständig durch Werbung verstärkt. Kein Plakat plärrt mich an: „Lern endlich was über die Politik der 1920er Jahre!“ – zumindest nicht, ohne mir gleich ein alle-Probleme-lösendes Kaufprodukt direkt unter die Nase zu halten. Kein Radiospot sagt: „Siebenbürger Küche wie deine Oma sie gekocht hat, lecker-lecker-lecker-lecker!“, und kein A-, B- oder C-Promi umschmeichelt mich mit „Bring dich auf den aktuellen Stand in deinen Fachgebieten!“ Die wollen mir alle nur was gegen meine Falten verkaufen.

Ich merke, dass Konsum zu einer Ausdrucksform geworden ist. Ich kaufe, also bin ich. Und ich bin, was ich kaufe. Nein: Ich kaufe, was ich sein will. Ich will schön sein, dann kauf ich mir Lippenstift. Ich will modern sein, dann kaufe ich mir irgendsoein Modeteil, das ich genau eine halbe Saison anziehen kann. Ich will erfolgreich sein, dann kaufe ich mir, was andere erfolgreiche Menschen bewerben! Es ist so einfach. Es ist zu einfach.

Schnell, kauf was, sonst verlierst du den Anschluss!

Und da ist noch dieser andere Gedanke: Ich will den Anschluss nicht verlieren. Ich frage mich: Den Anschluss woran? An eine Gesellschaft, die munter auf die Klimakatastrophe hinkonsumiert? An Mode, die sich schneller ändert, damit mehr gekauft wird, damit mehr weggeschmissen wird? Werden hier Werte vertreten, denen ich mich anschließen möchte?

Verliere ich den Anschluss daran, auf Parties über oberflächliche Themen reden zu können? Wen will ich hier eigentlich beeindrucken? Sollte ich dieses Konformitätsbedürfnis nicht mit dem Verlassen der Schule hinter mir gelassen haben?

Es scheint an der Zeit, kritisch darauf zu schauen, an wen und was ich mich da eigentlich anschließe. Welchen Bedürfnissen ich unhinterfragt nachgebe. Durch meinen Konsum. Durch meine Käufe. Durch meine Entscheidungen.

Nichts kaufen! Oder doch? Die No-Buy-Regeln für 2019

Ein No-Buy ist nur so gut wie seine Regeln. Ich habe dieses Jahr vor, mein Kaufverhalten und meine Bedürfnisse und Gedanken rund herum genau unter die Lupe zu nehmen. Dafür brauche ich genaue Regeln, denn ich werde es nicht schaffen überhaupt nichts zu kaufen: Ich muss weiterhin was essen, und für den Fall, dass ein Hund all meine Schuhe auffrisst, oder ich all meine Mascaras verbrauche (was das wahrscheinlichere Szenario ist), möchte ich die Möglichkeit haben, mir neue zu besorgen.

Damit ich jetzt aber nicht trotz schöner Vorsätze impulsiv und unter hoher Endorphinausschüttung Dinge nachkaufe, die ich eventuell gar nicht brauche, habe ich versucht, hieb- und stichfeste Regeln zu formulieren. Und wenn du vielleicht auch darüber nachdenkst, ein No-Buy zu machen, findest du in meinen Regeln vielleicht interessante Anregungen.


Meine No-Buy-Regeln

  • Ziel ist es, am Ende des Jahres von allem weniger zu haben. Entweder, weil ich Dinge aufgebraucht habe, oder, weil ich Dinge aussortiert habe. Das heißt, am Ende des Jahres möchte ich weniger Zeug haben, aber anteilig mehr, was ich wirklich brauche, mag und wirklich benutze, ohne Wenn und Aber.
  • Keine Impulskäufe.
  • Keine neuen:
    • Klamotten
    • Makeup
    • Pflegeprodukte
    • Schuhe
    • Bücher
    • Elektroniksachen
    • Deko / Geschirr
    • Schmuck
  • Wenn alle Produkte einer Produktkategorie leer, kaputt, aussortiert oder schlecht geworden ist, darf ich ein neues gleichwertiges Produkt kaufen. Es gelten die Kaufregeln (unten).
  • Produktkategorien könnten z.B. sein: Sonnencreme, Foundation, Sandalen, Tanktops, Romane, Mascara…
  • Essen, Gesundheit und Hygiene sind ok, aber ich muss ein waches Auge darauf haben, dass sich da nicht plötzlich als Kompensation problematisches Einkaufsverhalten hinverlagert.
  • Dinge, die ich zum Malen oder für sonstige Kunst brauche, sind ok, sofern sie zur unmittelbaren Verwendung gekauft werden. Vorsicht vor Kompensationsverhalten! Es gelten die Kaufregeln.
  • Unternehmungen wie Essen gehen, ins Café gehen, Massage, Friseur sind außen vor und explizit erlaubt. Aber auch hier: Vorsicht vor Kompensationsverhalten!
  • Zusätzlich werde ich nichts von Amazon kaufen, dafür habe ich gute Gründe.
  • Geschenkgutscheine dürfen verwendet werden, aber nur unter Einhaltung aller anderer Regeln!
  • Geschenke von anderen sind in Ordnung, aber ich will versuchen, mir möglichst kleine, verbrauchbare, selbstgemachte Sachen zu wünschen und ganz bewusst auch hier nicht zu kompensieren.
  • Geschenke für andere darf ich kaufen, muss aber aufpassen, dass sich hier kein Kompensationsverhalten entwickelt.

Kaufregeln: Wenn ich etwas kaufen will, geht das nicht einfach so tun. Ich möchte Impulskäufen bewusst entgegenwirken. Was immer ich kaufen will, muss mindestens eine Woche in meinem Warenkorb gelegen haben und ich muss immer noch finden, dass ich es wirklich brauche. Alternativ zu einem Onlinewarenkorb geht auch ein „Wunschzettel“ für Offline-Geschäfte.

Aussortieren werde ich einmal bei Beginn des No-Buy, und dann immer alle drei Monate. Ist etwas kaputt gegangen, schlecht geworden? Benutze ich etwas überhaupt nicht? Dann weg damit!


Das sind sie also, die Regeln für mein No-Buy-Jahr. Es gibt nur eine einzige klare Ausnahme: Bei uns ist unter gruseligen, aber für uns harmlosen Bedingungen eine Malm-Kommode von Ikea kaputt gegangen. Wir suchen seitdem einen Ersatz und haben bisher leider keinen finden können. Wir wollten uns damit nicht das Jahresende über zusätzlich stressen, weshalb dieser Kauf in 2019 in Ordnung ist.

Und du so? Planst du auch ein No-Buy? Wenn ja, warum? Oder warum nicht?

Wie auch immer, ich bin gespannt, wie dieses Jahr wird!

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